Zerrissenes Land : Saat der Gewalt in Afghanistan

Afghanistan ist eines der ärmsten Länder der Welt, unterentwickelt und vom Krieg gezeichnet. Da alle Eroberer dort bisher scheiterten, gilt es als "Grab der Imperien". Was bedeutet das für die internationale Mission am Hindukusch?

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Das Schicksal Afghanistans, in dessen Mitte ein 7700 Meter hohes Gebirge aufragt, wird auch durch seine Geografie bestimmt. Berge, Wüsten und der meist unfruchtbare Boden im Rest des Landes machen der überwiegend bäuerlichen Bevölkerung das Leben schwer. Das nahezu einzige, was hier blüht, ist der Mohn: Afghanistan ist der weltgrößte Produzent von Opium, dem Grundstoff für Heroin. Warlords und lokale Machthaber finanzieren mit den Einnahmen aus dem Drogengeschäft ihre Waffen und Soldaten und sichern sich so ihre Vormachtstellung in den Provinzen. Die 33 Millionen Afghanen leiden unter Wassermangel und Krankheiten, kaum jeder zweite kann Lesen und Schreiben.

Afghanistan ist zerrissen. Ethnien, Stämme und Clans streiten sich seit Jahrhunderten um die Macht. Nach wie vor wiegen persönliche Loyalitäten schwerer als formale Strukturen. Afghanistan ist seit jeher Schauplatz kriegerischer Auseinandersetzungen und ein Durchgangsland mit wechselnden Herrschern aus vielen Regionen der Welt. Die strategisch bedeutsame Lage und die Möglichkeit, diese Nahtstelle des asiatischen Handels zu kontrollieren, weckten häufig das Interesse fremder Mächte. Für die Taliban und Al Qaida war das Land lange ein Ort, an dem sie unbehelligt agieren konnten.

Und das taten die radikalen Islamisten. Am 11. September 2001 steuerten in Afghanistan ausgebildete Attentäter zwei entführte Passagierflugzeuge ins New Yorker World Trade Center. Die UN erkannten in Afghanistan daraufhin eine „Bedrohung für den Weltfrieden“, die USA und ihre Verbündeten holten zum Gegenschlag aus. Erstmals in ihrer Geschichte rief die Nato den Bündnisfall aus, Bundeskanzler Gerhard Schröder sagte den USA „uneingeschränkte Solidarität“ zu. Der Afghanistankrieg war die erste große militärische Reaktion. Er richtete sich gegen Al Qaida, das für die Anschläge verantwortlich gemacht wurde, und gegen das Taliban-Regime, das bezichtigt wurde, Osama bin Laden und andere Al-Qaida-Führer zu schützen. Zu gefährlich erschien der internationalen Gemeinschaft das Land am Hindukusch, um es länger sich selbst zu überlassen. Die größte Sorge: Afghanistan ist umgeben von Nuklearmächten, Indien, Pakistan, China, Russland. Siegen die Taliban hier, siegen sie auch in Pakistan; siegen sie in Pakistan, haben sie die Atombombe.

Nach neun Jahren Krieg ist offen, ob die Mission ein Erfolg wird. Vieles wurde erreicht. Tausende Kilometer Straßen wurden gebaut, Schulen, Krankenhäuser, Brunnen, Brücken. Hunderte Zeitungen und Zeitschriften werden angeboten, Radio- und Fernsehsender bedienen das Land. Millionen Flüchtlinge aus dem Iran und Pakistan sind zurückgekehrt, Kinder gehen wieder zur Schule, immer mehr Frauen studieren. Der Aufbau von Armee und Polizei macht Fortschritte.

Doch um die Sicherheit ist es trotz zehntausender ausländischer Soldaten nicht gut bestellt. Die Bundeswehr befindet sich im einst ruhigen Norden im Krieg. Der Drogenanbau boomt. Staatsaufbau und Entwicklung lassen zu wünschen übrig. Bin Laden ist so wenig gefasst wie Taliban-Chef Mullah Omar. Dafür steigt die Zahl getöteter Zivilisten und Soldaten. Die militärischen Auseinandersetzungen mit den Taliban nehmen zu. Hart umkämpft ist der Osten des Landes, wo die meisten US-Soldaten stationiert sind. Die Stammesgebiete Pakistans gelten als Rückzugsgebiet der Taliban. Die Stabilisierung Afghanistans wird durch Korruption bis in höchste Regierungskreise erschwert. Mit der Londoner Konferenz wird nun erneut ein Anlauf genommen, um Afghanistan den Weg in eine bessere, selbstverantwortete Zukunft zu weisen.

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