Politik : "Zerstörte Illusionen": Kapitalist küsst sozialistischen Frosch

Hannes Schwenger

Hans Apel glaubte, ihn träte ein Pferd: Als er 1990 gefragt wurde, ob er Aufsichtsrat von "Schwarze Pumpe" werden wolle, fragte er verblüfft, ob das eine Geldwaschanlage der CDU sei. Inzwischen weiß er es besser. Aber nicht darauf bezieht sich der Titel seines Buches "Zerstörte Illusionen". Spätestens als er den Ruf nach Schwarze Pumpe annahm, wusste er, dass es sich um das größte Braunkohle-Energiekombinat der DDR handelte, legendär durch zwei Hauptwerke der DDR-Literatur: "Spur der Steine" von Erik Neutsch, dessen Filmfassung mit Manfred Krug auf dem II. Plenum der SED verboten wurde, und "Franziska Linkerhand" von Brigitte Reimann, das die Baugeschichte des Standorts Hoyerswerda erzählt.

Schon als dieses Buch 1974 erschien, waren die Aufbauillusionen dahin, die Erik Neutsch noch genährt hatte. Jetzt, nach der Wende von 1989, rief man den ehemaligen Minister von Helmut Schmidt aus dem Westen, um das Werk wieder in eine leuchtende Zukunft zu führen: Die "blühenden Landschaften", die der Kanzler der Einheit versprochen hatte, sie sind mit den "Zerstörten Illusionen" Hans Apels gemeint.

Aber wer glaubt, der Sozialdemokrat Apel wolle daraus parteipolitisches Kapital schlagen, sieht sich angenehm enttäuscht. Er schreibt weder als Besserwessi noch als Bessersozi, sondern mit einer Sachlichkeit, die man dem Selbstdarsteller aus früheren Wahlkämpfen kaum mehr zugetraut hätte. Zumal nach seiner letzten Rolle als Vizepräsident des FC St. Pauli, mit der er sich über die Niederlage in seiner letzten politischen Rolle - Kandidat für das Amt des Regierenden Bürgermeisters von Berlin - zu trösten versucht hatte. Der Ruf nach Schwarze Pumpe habe ihn damals aus einer regelrechten Depression geholt, gesteht er freimütig im Vorwort, das die ironische Überschrift trägt: "Deutschlands Einheit, meine Rettung." Heute erinnert er sich gern an diese Aufbruchszeit als "eine beglückende Zeit enger Kooperation, die für alle Beteiligten in dieser Art und Weise einmalig ist und sich später auch nicht wiederholen lässt". Ein persönliches Vorwort zu einem "persönlichen Buch". Dann allerdings geht es zur Sache, und die ist alles andere als beglückend.

Nur kurze Zeit währt die Illusion, man sitze trotz veralteter Anlagen, Personalüberhang und Planmisswirtschaft auf einem soliden Grundstock: Braunkohlevorräte für ein Jahrhundert Tagebau, Grundeigentum, betriebliche Einrichtungen aller Art, qualifizierte Mitarbeiter und gesicherte Absatzerwartung. Von den zuletzt jährlich geförderten über 300 Millionen Tonnen Braunkohle gehen fast die Hälfte an die öffentlichen Kraftwerke zur Stromerzeugung und decken 80 Prozent der DDR-Stromproduktion.

Fast könnte man glauben - und die Volkskammer glaubt es, die Bundesregierung hofft es, die Treuhand soll es realisieren -, man sitze auf Kapital, das nur geküsst werden muss, um sich vom sozialistischen Frosch in einen Prinzen der Marktwirtschaft zu verwandeln. Firmen werden um- und ausgegründet, in Eröffnungsbilanzen werden Rückstellungen für Altlasten und Ausgleichsforderungen hin- und hergeschoben, wobei die Treuhand kräftig mitwirkt. Zuweilen greift sie so grob in die Geschäfte ein, dass Hans Apel sie an das geltende Gesellschaftsrecht erinnern muss. "Wir haben ganz andere Sorgen. Ansiedeln will sich sowieso niemand so kurz nach der Wende. In den nächsten Jahren gründen wir ohne die Hilfe der Treuhandanstalt aus eigener Initiative und mit unseren Finanzmitteln eine Reihe von Betrieben aus und siedeln neue Betriebe an, ohne die Treuhand zu fragen."

Das geht eine Weile gut - bis 1993 klar wird, dass die Umsätze einbrechen und die guten Zeiten für die Lausitzer Braunkohle vorbei sind. Erst jetzt zeigt sich wirklich, was Strukturwandel heißt: Der durch die alten Abnehmer sicher geglaubte Absatz bricht ein, die Kommunen beginnen auf eigene Faust Strom auf Erdgasbasis zu erzeugen, die europaweite Liberalisierung der Strommärkte tut ein übriges.

Den Eignern fällt nichts anderes ein als neue Fusionen der eben entflochtenen ehemaligen Staatsbetriebe. Bei den verbliebenen Belegschaften, die - samt ihren Gewerkschaften - schon Opfer genug an Tarifen, Besitzständen und Arbeitsplätzen gebracht haben, "bricht die Wut aus". So berichtet Hans Apel, der oft selbst seinen Zorn nicht zurückhalten kann. "Zwar werden durch diese Fusion nur wenige hundert Arbeitsplätze wegfallen. Doch die verzweifelte Hoffnung stirbt einmal mehr, man habe schlussendlich die Talsohle des Abbaus der Arbeitsplätze erreicht." Was nutzt es da, dass die ostdeutschen Kraftwerke auf die Braunkohle festgelegt sind, weil sie mit anderen Energieträgern nicht betrieben werden können. Auch sie müssen, weiß Apel, "ihre Stromerzeugung über die VEAG im Wettbewerb mit anderen Anbietern absetzen können. Deshalb müssen weitere Rationalisierungsschritte eingeleitet werden, um die Rohbraunkohle und damit den Braunkohlestrom wettbewerbsfähig zu machen".

Apels Fazit nach zehn Jahren: "In der Lausitz vollzieht sich in wenigen Jahren ein Strukturumbruch, den keiner zum Zeitpunkt der deutschen Einheit vorhersehen konnte." Auch er nicht. Bleiben also nichts als zerstörte Illusionen? So schnell gibt einer nicht auf, der schon ganz unten war, beim FC St. Pauli. Die Zeichen der Besserung, deutet er an, "wachsen im Verborgenen". Zum Beispiel bei Eko-Stahl Eisenhüttenstadt, seinem jüngsten Aufsichtsratsmandat. Dort gibt es im kommenden Jahr einen Mangel an Experten, weil dem Unternehmen inzwischen gleichermaßen "die Berufserfahrung der Alten und der Schwung der Jungen fehlt. Das ist eine neue Chance für die Jungen", schreibt der 68-Jährige.

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