Politik : Zeugen eines Massakers in Afghanistan ermordet?

Im Beisein von US-Soldaten sollen bei Masar-i-Scharif tausende Taliban getötet worden sein – General Dostum verwischt die Spuren

Ulrike Scheffer

Berlin . Der afghanische Kriegsherr Abdul Rashid Dostum hat offenbar angeordnet, Augenzeugen von Kriegsverbrechen umzubringen. Zwei Männer, die dem irischen Dokumentarfilmer Jamie Doran von Kriegsverbrechen berichtet hatten, sind nach Aussage Dorans bereits getötet worden. Hintergrund sind Massaker an Taliban-Gefangenen, die Dostums Truppen im November 2001 begangen haben sollen. Dostum beherrscht die Region um Masar-i-Scharif im Norden Afghanistans, wo er Ende vergangenen Jahres an der Seite der USA gegen die Taliban kämpfte.

Insgesamt, so schätzen die UN, sind im Einflussbereich Dostums bis zu 2000 Kriegsgefangene umgekommen. Ein Teil der Männer soll in Containern tagelang durch die afghanische Wüste transportiert worden sein. Bei der Ankunft im Gefängnis Scheberghan waren viele von ihnen erstickt, andere starben, weil Soldaten auf die Container schossen.

Weitere Gefangene seien hingerichtet und verscharrt worden. Das berichten Zeugen in einem Film von Jamie Doran, der am Mittwoch in der ARD (21.55 Uhr) ausgestrahlt wird. In der Wüste Dasht Leile filmte Dorans Team Knochen und Kleider, die nach Ansicht von Experten auf Massengräber hindeuten. Insgesamt hätten bei seinen Recherchen mehr als 20 Personen Kriegsverbrechen bestätigt, sagte Doran am Montag in Berlin. Und: US-Soldaten sollen tatenlos zugesehen haben. Die US-Regierung bestreitet dies.

Untersuchungen der UN kommen nur schleppend voran. Zunächst hatte Kriegsherr Dostum erklärt, er könne nicht für die Sicherheit der UN-Mitarbeiter garantieren. Nun greift er zu drastischeren Maßnahmen. Mindestens ein Zeuge sei getötet, weitere verhaftet und gefoltert worden, sagen auch die UN. Dokumentarfilmer Jamie Doran erhebt indes schwere Vorwürfe gegen die Weltorganisation: „Die UN-Vertreter in Kabul wissen seit Wochen von den Verhaftungen, und sie haben nichts unternommen.“ In Berlin wird sich in dieser Woche der Menschenrechtsausschuss des Bundestages mit den Vorfällen befassen. „Wir wollen beraten, wie wir helfen können, Zeugen zu schützen und Beweise zu sichern“, sagte die Ausschuss-Vorsitzende Christa Nickels (Grüne) dem Tagesspiegel.

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