Politik : Zeugin der alten Sozialdemokratie

Annemarie Renger, die 1972 die erste Präsidentin des Bundestags war, ist mit 88 Jahren gestorben.

Hermann Rudolph

Ihren Platz in der Geschichte der Bundesrepublik hat sie sicher. Es ist, um genauer zu sein, ein Platz in der Geschichte des Bundestags: Annemarie Renger war die erste Frau, die Präsidentin des Parlaments wurde. Vergegenwärtigt man sich allerdings, dass damals nur knapp vierzig Frauen im Bundestag saßen und das Amt zum ersten Mal den Sozialdemokraten zufiel – es war 1972, in dem ostpolitischen Sturmjahr, in dem Willy Brandts Sieg die SPD zur stärksten Fraktion machte –, so tritt der Rang des Ereignisses, das sich mit ihr verband, noch deutlicher hervor. Erst recht, nachdem ihr nach ihrer Amtszeit von allen Seiten bescheinigt wurde, dass sie es vorzüglich ausgefüllt hatte. Dass sich ein solches Urteil nicht von selbst verstand, kam in dem Fazit zum Ausdruck, das sie selbst zog: „Ich habe in dieser Zeit erreicht, was ich wollte: Es ist bewiesen, dass eine Frau das kann.“

Wie viel Zeit seither verstrichen ist, mag man auch an dem leicht mokanten Zungenschlag eines seinerzeit bekannten Bonner Beobachters erkennen, der über sie schrieb, sie habe „den unschätzbaren Vorteil, gut auszusehen“. Übrigens traf es zu: Bis in ihr hohes Alter war sie eine elegante, damenhafte Erscheinung. Die Formel von der Parteisoldatin glitt daran ab, obwohl sie doch irgendwie zutraf. Denn resolut und fest verankert in ihren Vorstellungen davon, wie die SPD zu sein habe, war sie auch. Das brachte viele der jüngeren Genossen gegen sie auf – jene, die nach neuen Wegen suchten, ebenso wie die, die ihr Fähnchen nach dem Zeitgeist hängten. In den Auseinandersetzungen um die Linie der SPD, die sich damals, in den siebziger und achtziger Jahren, auf deren Herausforderung durch die linksalternativen Bewegungen bezogen – und insofern dann doch nicht ganz so anders waren als heute – , pochte sie auf die altsozialdemokratischen Tugenden: Disziplin, Solidarität, Geschlossenheit.

Annemarie Renger hatte sie mit der Muttermilch aufgesogen. Ihr Vater Fritz Wildung war sozialdemokratischer Sportfunktionär, zuerst in Leipzig. dann in Berlin – die Fritz-Wildung-Straße in Schöneberg ist nach ihm genannt –, die führenden Sozialdemokraten der Weimarer Republik gehörten ins familiäre Umfeld. Die Zeitumstände, Krieg und Nachkrieg, nahmen hart an Annemarie Renger Maß: Kriegerwitwe, dann Parteiarbeit als Mitarbeiterin und Vertraute von Kurt Schumacher, dem charismatischen SPD-Vorsitzenden – das Bild der jungen Frau, die den einarmigen, beinamputierten Schmerzensmann stützt, gehört zu den bewegenden Zeugnissen der frühen Jahre der Bundesrepublik.

Mit Kurt Schumachers Tod 1952 begann Annemarie Rengers eigene politische Laufbahn: 37 Jahre lang im Bundestag, Unterstützerin des deutsch-jüdischen Verhältnisses und der europäischen Bewegung. Im Alter von 88 Jahren ist diese Zeugin der alten Sozialdemokratie gestorben.

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