Ziel verfehlt : Treibhausgasemissionen erreichen neuen Rekord

Immer neue Naturkatastrophen alarmieren die Welt. Strategien gegen globale Erwärmung sind nötig. In Berlin hat am Sonntag ein hochrangiger Dialog darüber begonnen.

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03.07.2011 16:37Ein Sandfeld auf dem Hochplateau des Gilf Kebir im Abendlicht. Der neueste Bericht des UN-Klimarats (IPCC) warnt vor einer...

Die Finanzkrise hat nur eine kleine Beule hinterlassen. Schon 2010 hat der weltweite Ausstoß von Kohlendioxid (CO2) wieder einen neuen Rekord erreicht: Nach Angaben der Internationalen Energieagentur (IEA) lagen die globalen Treibhausgasemissionen bei 30,6 Gigatonnen – fünf Prozentpunkte höher als 2008, als zuletzt ein Rekordausstoß zu vermelden war. Für 2011 rechnet die IEA mit einer weiteren Steigerung um 1,3 Prozentpunkte. Das Gas „treibt“ die Temperatur nach oben: Vom Ziel, die globale Erwärmung auf höchstens zwei Grad im Vergleich zum Beginn der Industrialisierung, etwa 1850, zu begrenzen, ist die Welt weiter entfernt als je. Die Folgen des Klimawandels sind mehr Wirbelstürme, mehr Überschwemmungen, mehr Dürren. Schon heute nimmt die Zahl solcher Wetterkatastrophen deutlich zu.

Was wissen wir über die globale Erwärmung?

Trotz aller Kritik, die am jüngsten Sachstandsbericht des Weltklimarats (IPCC) geübt worden ist: Die Grundannahmen des IPCC über die Folgen der globalen Erwärmung erhärten sich mit nahezu jeder neu vorgelegten Klimastudie. Auch bei den stark kritisierten Projektionen über das abnehmende Meereis in der Arktis rund um den Nordpol oder der Gletscherschmelze im Himalaya liegt der IPCC im Grundsatz nicht falsch. In einem Bericht für die Wissenschaftliche Akademie des Vatikans haben Gletscher- und Klimaexperten unter dem Vorsitz von Veerabhadran Ramanathan (San Diego, USA) und dem Nobelpreisträger Paul Crutzen (Mainz) im Mai auf die dramatische Gletscherschmelze in den Gebirgen der Welt hingewiesen. Allein die Alpen hätten bereits die Hälfte ihrer Eismasse verloren. „Die Gletscherschmelze ist einer der großen Vorboten des Klimawandels“, sagte Hans Joachim Schellnhuber, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK), der ebenfalls der Arbeitsgruppe angehörte. Ramanathan sagte: „Der Zerfall vieler kleiner Gletscher im Himalaya ist für mich besonders beunruhigend, weil diese Region als Wasserturm Asiens dient.“ Allerdings tragen nicht allein die Treibhausgase zur Gletscherschmelze bei, sondern gerade im Himalaya auch Luftschadstoffe wie Ruß.

Allein das Treibhausgas Kohlendioxid hat in der Atmosphäre von 278 ppm (Teilchen pro einer Million Teilchen) zu Beginn der Industrialisierung auf 387 ppm im Jahr 2009 zugenommen. Das ist nach Einschätzung der TEEB-Arbeitsgruppe, die auf Anregung Deutschlands und der Europäischen Union eine groß angelegte Studie über den wirtschaftlichen Wert der biologischen Vielfalt, erarbeitet hat, der wichtigste Grund für die dramatische Zunahme der Korallenbleiche, Vorbote des Absterbens der Korallen. Oberhalb einer CO2-Konzentration von 350 ppm können Korallen nicht dauerhaft überleben. Seitdem der Wert von 320 ppm überschritten ist, hat die Zahl der Korallenbleichen bis hin zum großflächigen Absterben der Korallenriffe weltweit zugenommen. Seit 1950 habe die Welt bereits 20 Prozent der Korallenriffe verloren, sagte Pavan Sukhdev, der das Projekt geleitet hat, zur Veröffentlichung eines Teilberichts 2009. Der Grund dafür ist die Versauerung der Meere. Denn rund 30 Prozent des gesamten CO2-Ausstoßes werden im Meer gebunden. Wie viel mehr Treibhausgase das Meer speichern kann, ist nicht genau bekannt. Aber klar ist, je mehr CO2 gespeichert wird, desto saurer werden die Ozeane. Korallen müssen aber zur Bildung von Riffen Kalk bilden, was im sauren Milieu immer schwerer wird. Die Folgen sind kostspielig. Korallenriffe erbringen nach Sukhdevs Berechnungen jährlich rund 150 000 Dollar Einnahmen pro Hektar. „Der materielle Nutzen der Korallenriffe liegt bei etwa 172 Milliarden Dollar jährlich“, sagt er. In diese Summe gehen Fischfang, Küstenschutz und Tourismus ein. Rund eine halbe Milliarde Menschen sei unmittelbar von Korallenriffen abhängig, um sich zu ernähren.

Was wird getan?

Im besten Fall werden nationale Klimastrategien entwickelt, die zweierlei leisten sollen: eine Verringerung der eigenen Treibhausgasemissionen, um den Klimawandel aufzuhalten, und eine Anpassung an die schon nicht mehr abwendbaren Veränderungen. In Deutschland ist mit dem Energiepaket, das in der vergangenen Woche beschlossen worden ist, ein Kernelement der nationalen Klimastrategie vorgelegt worden. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sagte am Samstag in ihrem wöchentlichen Video-Podcast: „So greifen Energiepolitik und Klimaschutz ineinander. Und genau dafür werde ich werben, dass dies in allen Ländern ernsthaft und zielstrebig vorangebracht wird.“ Der Bundestag hat schon mehrmals das mittelfristige deutsche Klimaziel bestätigt, wonach die Treibhausgasemissionen bis 2020 um 40 Prozent im Vergleich zu 1990 sinken sollen.

Die deutsche Klimastrategie ist in das europäische Konzept eingebunden. Die Europäische Union hat sich rechtlich bindend dazu verpflichtet, den Treibhausgasausstoß bis 2020 um 20 Prozent zu vermindern. Erst in der vergangenen Woche scheiterte unter anderen Deutschland damit, die EU-Mitgliedsstaaten davon zu überzeugen, dass das Klimaziel auf minus 30 Prozent im Vergleich zu 1990 angehoben werden sollte. Das böte die Chance, weniger Emissionsberechtigungen im europäischen Emissionshandel zu vergeben, der etwa die Hälfte des Treibhausgases umfasst. Das würde es auch Deutschland erleichtern, sein anspruchsvolles Klimaziel zu erreichen. Deshalb wird Berlin nun mehr für die Gebäudesanierung und Emissionsminderungen im Verkehr tun müssen, um nicht zu scheitern. Die EU ist für etwa 15 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich.

Die größten Ökonomien der Welt tragen aktuell auch am meisten zum Klimawandel bei: Die USA und China verursachen rund 44 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen. China hat gerade einen anspruchsvollen Fünf-Jahresplan vorgelegt, in dem anspruchsvolle Ziele für eine höhere Energieeffizienz und den Ausbau erneuerbarer Energien vorgegeben sind. Allerdings will China lediglich die Energieproduktivität erhöhen, das heißt, pro produziertem Produkt soll weniger Energie eingesetzt werden. Das bedeutet aber angesichts des schnellen Wirtschaftswachstums keine absolute Senkung des Energieverbrauchs. Auf eine Festlegung, wann China den Höhepunkt seiner Treibhausgasemissionen erreicht haben wird, will sich die Regierung in Peking nicht einlassen. Im übrigen hat eine Forschergruppe um den PIK-Klimaökonomen Ottmar Edenhofer in einer aktuellen Studie ermittelt, dass die Industriestaaten durch ihren Konsum „mehr zum Emissionswachstum“ in Ländern wie China „beitragen als sie durch Klimaschutz zu Hause eingespart haben“, wie Jan Christoph Minx von der Technischen Universität Berlin sagt.

In den USA dagegen herrscht eineinhalb Jahre vor der nächsten Präsidentschaftswahl klimapolitischer Stillstand – wie in den vorangegangenen zehn Jahren auch schon. In der amerikanischen Öffentlichkeit wird, wenn überhaupt, weiterhin darüber diskutiert, ob Klimaforschern Fehler nachgewiesen werden könnten. Klimaschutz wird als Bedrohung für den American Way of Life wahrgenommen. Es gibt in beiden großen Parteien kaum Vertreter, die sich für eine rationale Klimapolitik einsetzen.

In welchem Zustand ist die internationale Klimadiplomatie?

Aus der nationalen Klimapolitik der wichtigsten Akteure lässt sich bereits ableiten, dass es um die Klimadiplomatie weiter nicht gut steht. Die grundlegenden Konflikte sind die alten: Klimapolitik wird speziell in den Schwellenländern als Hindernis für ihr Wirtschaftswachstum und ihre Entwicklung gesehen. Und die USA wollen sich auf keinen Fall auf eine Bewertung einlassen, der sie selbst 1992 in Rio bei der Verabschiedung der Klimarahmenkonvention noch zugestimmt haben: Dass nämlich die Industriestaaten eine historische Klimaschuld angehäuft haben, die sie verpflichtet, mehr zu tun, um Treibhausgasemissionen zu vermindern. Nach dem Scheitern des Kopenhagener Klimagipfels unter größtmöglicher Beteiligung von Präsidenten und Regierungschefs gilt es schon als Erfolg der Klimadiplomatie, dass es sie überhaupt noch gibt. Tatsächlich gelang es den Chef-Klimaverhandlern im Dezember 2010 in Cancun (Mexiko), die Weltgemeinschaft dazu zu bewegen, sich auf ein anspruchsvolles Klimaziel festzulegen. Die globale Erwärmung soll auf unter zwei Grad im Vergleich zum Beginn der Industrialisierung gehalten werden. Das ist jetzt rechtsverbindlich. Fehlt nur noch die Umsetzung. Wie die Welt dazu kommen könnte, darüber beraten am Sonntag und Montag in Berlin rund 35 Minister und Klimaverhandler beim zweiten Petersberger Klimadialog. Und im Dezember versucht der 17. Weltklimagipfel im südafrikanischen Durban, auf dem Weg zu einem globalen Klimaabkommen ein paar Millimeter weiterzukommen.

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