Politik : Ziellos auf der Bühne

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Berlin. Unions-Kanzlerkandidat Edmund Stoiber muss noch schwer an seinem Redestil arbeiten, wenn er in den zehn Wochen bis zur Bundestagswahl von professionellen Redenschreibern gute Noten für seine Wahlreden bekommen will. Beim Vergleich der Spitzenkandidaten der fünf Bundestagsparteien schlug Amtsinhaber Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) seinen Herausforderer von der CSU als Redner um Längen. In Schulzensuren ausgedrückt bekam Stoiber gerade noch ein „befriedigend“, während Schröder ein „sehr gut“ einheimste.

Der „Verband der Redenschreiber deutscher Sprache“ (VRdS) hatte die Reden der fünf Kandidaten auf den Wahlparteitagen von drei seiner Rhetorik-Experten unabhängig voneinander untersuchen lassen. Politische Inhalte wurden nicht bewertet. Dabei seien die drei ohne Absprache zu vergleichbaren Ergebnissen gekommen, verkündete Verbandspräsident Thilo von Trotha.

Gemeinsam zogen sie den Schluss: „Den oft zitierten mediengerechten Wahlkampf schafft in Deutschland nur Bundeskanzler Schröder.“ Mit immerhin „gut“ schnitt auf dem zweiten Platz der Grünen-Spitzenkandidat, Außenminister Joschka Fischer, ab. Enttäuschend fanden die Profis den FDP-Kanzlerkandidaten. Guido Westerwelle landete mit der Gesamtnote „ausreichend“ auf dem fünften Platz. Noch hinter PDS-Chefin Gabi Zimmer, die wie Stoiber eine „drei“ bekam. Der bayerische Ministerpräsident kassierte „Fünfen“ vor allem bei Gestik, Mimik, Stimme, Sprechen und Erscheinungsbild – Felder, auf denen Schröder mit Spitzennoten punktet. Stoiber schaffte es nach den Beobachtungen der Redner-Profis als einziger der fünf Politiker nicht, Überflüssiges zu vermeiden. Seine „in hohe Lagen abgleitende Stimme“ habe er „nur zeitweise im Griff“ gehabt. Als „geradezu katastrophal“ empfand der Darmstädter Redenschreiber Dariush Barsfeld das Verhalten des CSU-Chefs während des lang anhaltenden Schlussbeifalls, als „ein schweißgebadeter und ausgelaugter Edmund Stoiber ziellos auf der Bühne herumwanderte, dabei reichlich hilflos wirkte und auch noch begann, sich im Rampenlicht zu kämmen“. Ruth Lindenberg (dpa)

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