Politik : Zittern um den Wahlsieg

Berlusconis Koalition und Prodis Bündnis liegen bei Parlamentswahl in Italien knapp beieinander

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Der Wahlabend in Italien wurde spannender als gedacht: Zweimal musste Romano Prodi seine Siegesfeier verschieben, und schließlich entschloss er sich, erst in später Nacht vor seine zu Tausenden wartenden Fans zu treten – erst bei Vorliegen unbezweifelbarer Zahlen. Dabei sah alles zuerst ganz klar und einfach aus: Am frühen Nachmittag hatten Wahlforschungsinstitute einen eindeutigen Sieg des Mitte-Links-Bündnisses und eine ebenso klare Niederlage Silvio Berlusconis vorhergesagt.

Dann aber gerieten die Zahlen durcheinander. Das Fernsehen verbreitete unterschiedslos diverse Wählerbefragungen, erste mathematische Hochrechnungen, allerdings auf recht unterschiedlicher Faktenbasis, dazu auch noch konkrete Auszählungsergebnisse aus einzelnen Wahlkreisen – und für Prodi schien es eng zu werden: Im Senat, dem italienischen „Bundesrat“, schrumpfte die Mehrheit des Mitte-Links-Bündnisses von 25 auf beinahe null Sitze zusammen. Plötzlich stand das von allen gefürchtete Patt im Raum: eine linke Mehrheit im Abgeordnetenhaus, eine rechte im Senat – bei Italiens absolut symmetrischem Zweikammersystem hätte das die Unregierbarkeit des Landes zur Folge gehabt. Mitglieder von Berlusconis alter Koalition sprachen hämisch sogar schon von Neuwahlen.

Und dann knickte auch noch Piepoli, eines der Meinungsforschungsinstitute, bei den Zahlen für das Abgeordnetenhaus ein – ohne Begründungen zu nennen. In Piepolis Hochrechnung schrumpfte der Vorsprung Prodis von ursprünglich fünf Punkten auf plötzlich einen Punkt, und die Fernsehjournalisten fragten auf einmal wieder bei Berlusconis Forza Italia nach, ob man nun dort wieder mit einem Wahlsieg rechne.

Eindeutig und vom Innenminister bestätigt war nur die Wahlbeteiligung: 83,6 Prozent, 2,4 Punkte mehr als vor fünf Jahren. Der Andrang war erwartet worden – und deswegen hatte man die Wahlen diesmal auf zwei Tage verteilt. 2001 hatte es allzu lange Schlangen vor den Abstimmungslokalen gegeben. Die letzten Wähler machten damals ihre Kreuzchen nach Mitternacht – als das Fernsehen bereits zahlreiche Ergebnisse vermeldete.

In Italien herrscht theoretisch Wahlpflicht, bis 1979 lag die Beteiligung regelmäßig höher als 90 Prozent. Ein Nichterscheinen des Bürgers an der Urne wurde da und dort sogar mit einem Eintrag ins polizeiliche Führungszeugnis geahndet.

Die Stunden vor der Wahl hatten die beiden Spitzenkandidaten dort verbracht, wo sie immer schon am meisten Ruhe finden: Berlusconi lustwandelte zwischen den edlen Kakteen im Park seiner sardischen Luxusvilla. Prodi zog sich zum Spielen mit den Enkelkindern in seine angestammte Wohnung in Bologna zurück.

Erstmals in der Geschichte des früheren Emigrationslandes durften diesmal auch die 2,6 Millionen Italiener im Ausland das neue Parlament mitwählen. Die Beteiligung soll bei gut 42 Prozent gelegen haben. Eigens den Auslandsitalienern ist die Wahl von zwölf Abgeordneten und sechs Senatoren vorbehalten. Das Abgeordnetenhaus wählen durften im Inland knapp 47,3 Millionen Personen – mit einer Frauenmehrheit von zwei Millionen. Für die Wahl zum Senat, der zweiten Parlamentskammer, für die ein Mindestalter von 25 Jahren vorgeschrieben ist, waren 43,2 Millionen Italiener berechtigt.

In beiden Fällen hatten die Italiener nur jeweils eine Stimme zu vergeben. Anders als bisher konnten sie ihren persönlichen Lieblingskandidaten nicht „überhäufeln“, sondern mussten die von den Parteien vorgegebenen Listen als ganze akzeptieren. Wurde bis vor fünf Jahren ein Teil der Parlamentssitze nach dem Mehrheits-, ein anderer Teil nach dem Verhältniswahlrecht vergeben, so gilt nach der von Berlusconis Koalition mehrheitlich durchgesetzten Gesetzesreform ein reines Verhältniswahlrecht. Den von Berlusconi gewünschten Erfolg indes hat das neue Recht offenbar trotzdem nicht gebracht.

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