Politik : Zitterpartie für Tony Blair

Matthias Thibaut

London - In einer langen Fernsehnacht haben die Briten in der Nacht zum Freitag die Ergebnisse der spannendsten britischen Unterhauswahl seit 1992 verfolgt. Nach übereinstimmender Ansicht der Wahlanalysten und Meinungsumfragen dürfte die seit 1997 amtierende Labourregierung im Amt bestätigt werden. Doch bis zuletzt konnte niemand voraussagen, wie sich Wählerapathie und der Protest gegen Premier Tony Blair und seine Irakpolitik auswirken würden. Beobachtern zufolge müsste Blair – der 2001 eine Mehrheit von 163 Sitzen erzielte – am Freitagmorgen mindestens eine Mehrheit von 80 Unterhaussitzen vorweisen können, um die Wahl als Sieg darstellen zu können.

In den letzten Umfragen lag Labour mit einem Stimmenanteil von durchschnittlich 37 Prozent zwischen drei und sechs Prozent vor den Konservativen. Die Wahllokale hatten bis 23 Uhr geöffnet, Ergebnisse wurden erst an diesem Freitagmorgen erwartet. In Nordirland wird erst am Freitag gezählt. Das neue Unterhaus hat 646 Abgeordnete, gewählt wurde aber nur in 645 Wahlkreise – im Wahlkreis Staffordshire South musste die Wahl verschoben werden, weil ein Kandidat starb.

Premierminister Tony Blair gab seine Stimme in seinem Wahlkreis Sedgefield schon am Vormittag ab. 14 Kandidaten traten gegen ihn an, viele davon Kriegsgegner. Der Krieg hat Blair den gesamten Wahlkampf über verfolgt. Seine Popularitätswerte sind deutlich gesunken. Blairs Wunsch, das Thema Irak hinter sich zu lassen und seine dritte, letzte Amtszeit mit neuem politischen Schwung anzugehen, dürfte nicht in Erfüllung gehen – unabhängig davon, wie Labour abschneidet. Blair hatte vor Monaten schon angekündigt, dies werde seine letzte Amtszeit werden. Nun dürften schon heute in Großbritannien die Fragen beginnen, wann er sein Amt an den als Nachfolger bereits designierten Schatzkanzler Gordon Brown übergeben wird. Fraglich ist auch, wie der persönlich angeschlagene Blair das heikle britische EU-Verfassungsreferendum meistern will. Eine Haushaltslücke von elf Milliarden Pfund muss gestopft werden, die meisten Briten rechnen mit Steuererhöhungen.

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