Politik : Zivilcourage mit tödlichen Folgen

52-jähriger Hamburger versuchte, Streit in S-Bahn zu schlichten / 18-Jähriger in Berlin schwer verletzt

Jörn Hasselmann

Berlin/Hamburg - Ihr engagiertes Einschreiten gegen jugendliche Rüpel hat für zwei Menschen in Deutschland dramatische Folgen gehabt. In Hamburg starb ein Mann, in Berlin wurde ein 18-Jähriger durch einen Messerstich lebensgefährlich verletzt. Der 52-jährige Hamburger erlag am Montagabend den Hirnblutungen, die durch einen Schlag gegen den Kopf verursacht wurden. Dies teilte die Polizei am Dienstag mit. Wolfgang L. hatte am frühen Sonntagmorgen in einer S-Bahn eine Gruppe von Jugendlichen aufgefordert, ruhig zu sein und die Belästigung einer jungen Frau einzustellen. Darauf schlug einer der jungen Männer, vermutlich ein Deutscher, Wolfgang L. einmal heftig ins Gesicht. Das Opfer konnte an der nächsten Station aussteigen, brach dann aber bewusstlos zusammen. Der Täter und seine Kumpane fuhren weiter.

In Berlin baten zwei Brüder in der Nacht zum Dienstag in einem Bus eine Gruppe Türken, die Musik leiser zu machen. Nach einem Streit trennten sich die Gruppen. Als sie sich wenig später wiedersahen, griff einer der Männer zu seinem Messer und rammte es Daniel P. tief ins Bein, mit starkem Blutverlust kam der junge Mann ins Krankenhaus. Er schwebt in Lebensgefahr. Nach Angaben der Berliner Mordkommission ist außer dem Streit im Bus kein Motiv erkennbar.

In Hamburg stellten sich im Lauf des Dienstags sechs Jugendliche. Die 16- bis 19-Jährigen gaben an, zu der gesuchten Gruppe zu gehören. Der Hamburger SPD-Fraktionschef Michael Neumann sagte, die „feige Tat“ dürfe nicht dazu führen, „dass Menschen vor Straftätern zurückschrecken und wegsehen“.

Die Polizei in Hamburg hat bei ihrer Fahndung den Vorteil, Videobilder von den Bahnhöfen auszuwerten. Bei der Berliner BVG dagegen läuft derzeit erst ein Modellversuch, bei dem das Unternehmen auf drei Linien die Aufnahmen testweise speichern darf. Auch dieses Zugeständnis hatte der Berliner Datenschutzbeauftragte erst nach einem ähnlichen Fall im Dezember vergangenen Jahres gemacht. Nachdem ein 18-Jähriger in einem Bus durch einen Messerstich gestorben war, war bekannt geworden, dass die BVG die Videobilder in Bussen und auf Bahnsteigen nicht speichern darf. Durch großen öffentlichen Druck musste der Datenschutzbeauftragte daraufhin der Speicherung zustimmen. Wie berichtet, will die BVG die Videoüberwachung auf alle Linien ausdehnen, um ihren Fahrgästen einen besseren Schutz zu bieten.

Die Berliner Polizei bietet allen Berlinern ein kostenloses Seminar an, in dem das richtige Verhalten gegenüber aggressiven Menschen trainiert wird. Nach Angaben der Präventionsbeauftragten der Berliner Polizei, Susanne Bauer, ist es unmöglich einzuschätzen, ob durch diese Gewalttaten die Bevölkerung abgeschreckt wird, in Zukunft Bedrängten Hilfe zu leisten oder Zivilcourage zu zeigen. „Die Fälle, die gut laufen, erfahren wir ja nicht“, sagte Bauer dem Tagesspiegel. Im Jahr 2005 gab es in Berlin 2312 Körperverletzungen im öffentlichen Nahverkehr, dazu 840 Raubtaten und 372 Fälle von Nötigung, Freiheitsberaubung und Bedrohung sowie 200 Sexualdelikte.

Unterdessen prüft die BVG einen Fall, in dem ein Busfahrer in der vergangenen Woche einem Opfer nicht geholfen haben soll. Dieser hatte vergeblich versucht, Hilfe zu bekommen, nachdem er an einer Haltestelle niedergeschlagen und beraubt worden war. Die Polizei ermittelt.

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