Zivile Unruhen in England : Krawalle gehen weiter, Länderspiel England-Holland abgesagt

09.08.2011 09:28 UhrVon Matthias Thibaut
  • "Keep calm and carry on" ist ein Leitspruch der Briten. Hier eine humorvolle Variation an der zerstörten Front eines Süßwarenhändlers. Frei übersetzt: "Ruhig bleiben und weiter... - Foto: Reuters
  • Auf der Suche nach Randalierern und Plünderern setzt die englische Polizei mit der Kampagne "Shop a Looter" (zu Deutsch: "verpfeif einen Plünderer") auf die Hilfe der Bürger. - Foto: rtr
  • In Birmingham fahren Lieferwagen mit Riesenbildschirmen durch die Stadt und zeigen Bilder von mutmaßlichen Tätern. - Foto: Reuters

Update Wegen der anhaltenden Straßenschlachten in London ist das Länderspiel England gegen Holland am Mittwoch abgesagt worden. Mittlerweile sind weitere Städte in England von Krawallen betroffen.

Nach drei Nächten der Gewalt haben die Unruhen in London nun auch Auswirkungen auf den Sport. Wie die BBC berichtet, hat der Fußballverband das Freundschaftsspiel zwischen England und den Niederlande, das morgen im Wembley-Stadion stattfinden sollte, abgesagt.

Gewalt und Vandalismus in London drohen außer Kontrolle zu geraten. Den dritten Tag in Folge zogen am Montag brandschatzende Banden durch die Stadt und verwandelten Straßenzüge in ein flammendes Inferno. Im Stadtteil Croydon brannte ein ganzer Straßenzug, aus einem Möbellager schlugen meterhoch die Flammen. Polizei und Feuerwehr schienen völlig überfordert. Auch Kinder sollen unter den Randalierern sein.

Premierminister David Cameron berief für Dienstagmorgen eine Sondersitzung des Nationalen Sicherheitsrates ein.

Auch in den Stadtteilen Clapham, Peckham, Hackney und Lewisham gab es am Montag Krawalle. Mit Birmingham war zudem erstmals eine Stadt außerhalb Londons betroffen. Cameron hatte am Montag seinen Urlaub in der Toskana abgebrochen. Er wollte noch am Abend nach London zurückkehren. Auch Vize-Premier Nick Clegg, Innenministerin Theresa May und Londons Bürgermeister Boris Johnson unterbrachen ihren Urlaub.

Der amtierende Londoner Polizeichef Tim Godwin forderte die Bevölkerung auf, die Straßen zu verlassen. Eltern sollten sich nach ihren Kindern erkundigen und sie nach Hause holen. Auch Gruppen gewalttätiger Kinder zwischen 10 und 14 Jahren waren nach Medienberichten unterwegs. „Es sind viel zu viele Schaulustige auf den Straßen“, sagte er. Die Polizei hatte hunderte Beamte aus anderen Städten Großbritannien nach London beordert. Das größte Problem sei jedoch, die Einsatzkräfte schnell von einem Ort zum anderen zu befördern.

Im Laufe des Montags hatten zuvor nach der zweiten Nacht mit Plünderungen und Krawallen die Aufräumarbeiten begonnen. Und die Suche nach den Sündenböcken. Die Polizei verstärkte ihre Einsatzkräfte erneut, um weitere „Nachahmer-Krawalle“ im Keim zu ersticken. „Es werden noch mehr Beamte abgestellt, sie werden noch einsatzbereiter und noch tapferer sein, um London so sicher wie möglich zu machen“, versprach der stellvertretende Bürgermeister Kit Malthouse, der die Urlaubsvertretung für Bürgermeister Boris Johnson macht. „Aber wir können nicht ständig eine Reservearmee in Londons Straßen bereithalten“, fügte er hinzu. Der Sachschaden beläuft sich schätzungsweise auf über 100 Millionen Pfund. Insgesamt wurden 215 Personen festgenommen.

Polizisten machten soziale Netzwerke mitverantwortlich für die Ausschreitungen. Über Twitter, Blackberrys und SMS verabredeten sich Randalierer zunächst in Enfield, ein paar Kilometer von Tottenham entfernt. Die Gruppen lösten sich dann wieder auf, um sich an anderen Orten neu zu formieren. Sogar südlich der Themse im inzwischen fast schon wohlhabenden Brixton, das in den achtziger Jahren noch ein Schwarzenghetto und Schauplatz schwerer Rassenkrawalle war, wurde ein Sportgeschäft geplündert und angezündet.

„Es war grundloser, opportunistischer Diebstahl und Gewalt, nicht mehr, nicht weniger“, sagte Vizepremier Nick Clegg. Innenministerin Theresa May forderte alle Bürger auf, konstruktiv mit der Polizei zusammenzuarbeiten, „damit wir diese Kriminellen vor Gericht bringen können“. May war am Montag aus dem Auslandsurlaub nach London zurückgekehrt, um die Reaktion der Regierung zu koordinieren. Denn während London brennt, sind die meisten Verantwortlichen einschließlich Premier David Cameron im Urlaub. Auch die für Tottenham zuständige Polizeichefin Sandra Lobby war am Samstag, vor Ausbruch der Krawalle, verreist.
An möglichen Schuldigen war jedenfalls kein Mangel: Soziale Netzwerke, Bandenkriminalität, Drogensucht, steigende Jugendarbeitslosigkeit wurden genannt. Auch die Kürzung von 75 Prozent oder 1,5 Millionen Pfund im Jugendetat des Bezirks Haringey, in dem das Krawallviertel Tottenham liegt, gehört dazu.

Am Weitesten wagte sich der frühere Londoner Bürgermeister Ken Livingstone vor, der kurzerhand die stagnierende Wirtschaft und die von der Regierung verhängten Sparmaßnahmen für soziale Konflikte verantwortlich machte. Livingstone sprach als Wahlkämpfer. Im nächsten Jahr will er wieder Londoner Bürgermeister werden.

Die „Sun“ sah als Schuldigen kurzerhand einen „kriminellen Mob“ und taufte ihn „den Feind im Inneren“. Krawallmachern gehe es nicht um soziale Gerechtigkeit, sondern Diebstahl, Brandstiftung und Gewalt. „Einige der Randalierer waren erst sieben Jahre alt. Kann man dafür die Polizei oder die Regierung verantwortlich machen?“

Die Polizei steht oben auf der Liste der Sündenböcke. Sie musste sich Führungslosigkeit vorwerfen lassen – nachdem der Polizeichef im letzten Monat zurückgetreten war. Auch die Londoner G-20-Proteste 2009 und die Ausschreitungen bei den Demonstrationen gegen das Sparpaket in diesem Jahr zeigten, dass Scotland Yard beim Vorgehen gegen Massenrandale unglücklich agiert. Schwarze Einwohnergruppen in Tottenham warfen ihr vor, sie habe „die Situation zu lange eskalieren lassen“.

Immer wieder wird auch der Vorwurf erhoben, die Polizei habe Vorurteile gegen Schwarze und gehe besonders brutal gegen sie vor. Die Tötung eines mutmaßlichen schwarzen Waffenhändlers, die der Auslöser der Krawalle war, soll diese Polizeibrutalität manifestiert haben. Gerüchte um die Erschießung des 29-jährigen Mark Duggan wurden am Wochenende so heftig, dass die unabhängige Polizeiaufsichtsbehörde IPCC ein ungewöhnliches Dementi abgab: Spekulationen, Duggan sei „in einer Art Hinrichtung durch mehrere Schüsse in den Kopf“ von der Polizei ermordet worden, seien „kategorisch falsch“.

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