• "Zivile Ziele sind für uns tabu" - ein Interview mit dem tschetschenischen Vertreter in Moskau

Politik : "Zivile Ziele sind für uns tabu" - ein Interview mit dem tschetschenischen Vertreter in Moskau

In nur zwei Wochen kamen in Moskau bei Sprengstoff

Maibek Watschagajew (33) ist seit 1998 Ständiger Vertreter der Tschetschenischen Republik in Moskau. Mit dem promovierten Historiker sprach unseree Korrespondentin Elke Windisch.

In nur zwei Wochen kamen in Moskau bei Sprengstoffanschlägen über 200 Menschen ums Leben. Verdächtigt werden Tschetschenen. Hat die Jagd auf in Moskau lebende Tschetschenen begonnen?

Wir beobachten bereits Massenverhaftungen, die sich ausschließlich an nationalen Kriterien orientieren. Einige der Inhaftierten wurden bei den Vernehmungen so misshandelt, dass sie ins Krankenhaus eingeliefert wurden. Beamte der Miliz erscheinen zudem in den Wohnungen und fordern die Tschetschenen auf, Moskau zu verlassen. Weit über 10 000 sind bereits vertrieben worden. Täglich kommen Faxe mit Drohungen, unsere Vertretung in die Luft zu sprengen. An vielen Wohnungstüren steht inzwischen mit roter Farbe geschrieben "Tschetschenen". Eine Versammlung patriotischer Jugendlicher im Zentrum Moskaus hat bereits öffentlich zur Abrechnung mit den Tschetschenen aufgerufen.

Die Spuren führen doch nach Tschetschenien. Sind Angst und Wut da nicht verständlich?

Sogar im Staatsfernsehen sagte ein Ermittler, die so genannte tschetschenische Spur sei lediglich eine der möglichen Versionen. Gegenwärtig konzentriert sich die Fahndung auf einen Karatschaier und einen Usbeken. Aber das nehmen die Leute gar nicht mehr wahr. Bei ihnen hat sich festgehakt, was Oberbürgermeister Jurij Luschkow sagte. Der hatte schon 40 Minuten nach dem Anschlag in den Trümmern die tschetschenische Spur ausgemacht.

Mit solchen Methoden hat Tschetschenien aber Russland 1995 zu Friedensverhandlungen gezwungen.

Ich leugne nicht, dass wir im Krieg mit diesen Methoden gearbeitet haben. Aber nur, wenn es um militärische Objekte der Russen ging und im Kampf gegen reguläre Armee-Einheiten. Zivile Objekte sind für uns tabu. Gerade, weil wir damals mit ansehen mussten, wie unsere Städte und Dörfer dem Erdboden gleichgemacht wurden, können wir besser als jeder andere den Schmerz der Moskauer verstehen.

Wer steht denn sonst hinter den Anschlägen?

Warum wurden die Häuser gerade jetzt gesprengt? Warum werden jetzt Tonnen von Sprengstoff sicher gestellt? Wir gehen hundertprozentig davon aus, dass Moskau das Szenario entwickelt hat, um die politische Situation anzuheizen. Hier müssen die Spuren gesucht werden. Und hier muss die Frage gestellt werden, wer im Wahlkampf davon profitieren wollte.

Wenn dem so wäre, hätte Boris Jelzin spätestens nach dem zweiten Anschlag den Ausnahmezustand verhängt. Das aber ist bis heute nicht geschehen.

De jure nicht, de facto schon. Zumindest in Teilen ist die Verfassung außer Kraft gesetzt. Die Medien sind einer rigorosen Zensur unterworfen. Sogar bei unabhängigen TV-Sendern durften die Reporter aus Dagestan nicht berichten, was sie selbst sahen, sondern mussten sich auf das Pressezentrum des Verteidigungsministeriums berufen. Verfassungswidrig sind auch die Ausweisungen und Aufenthaltsgenehmigungen für Moskau, denn das Grundgesetz garantiert die Bewegungsfreiheit.

Während des Krieges hatten die Tschetschenen Medien und Öffentlichkeit weitgehend auf Ihrer Seite. Jetzt machen sie negative Schlagzeilen mit Entführungen und Raubmorden.

Die Kriminalität ist für uns in der Tat ein Problem und es wäre dumm, deren Existenz zu leugnen. Entführt werden übrigens auch Hunderte von Tschetschenen. Allein im ersten Halbjahr wurden 17 Geiselnehmer und Entführer hingerichtet. Weitere 32 warten gegenwärtig auf Vollstreckung ihrer Urteile. Aber das ist kein Ausweg. Unsere Arbeitslosenrate liegt bei 99 Prozent. Dazu kommt, dass nur wenige unserer Ermittler entsprechend ausgebildet sind. Wir bitten Westeuropa weder um Lebensmittel noch um Finanzhilfe, aber wir bitten eindringlich darum, uns bei der Verbrechensbekämpfung zu helfen. Unsere eigenen Kräfte reichen dazu nicht aus.

Näher liegend wäre sicher die Zusammenarbeit mit Moskau.

Wir haben Russland mehrmals vorgeschlagen, ein gemeinsames Zentrum zur Bekämpfung des Terrorismus zu bilden, in dem alle Kaukasus-Staaten mitarbeiten. Alle Regierungschefs, von Tschernomyrdin bis Putin, fanden das prima. Aber in der Praxis taten sie nichts, weil sie damit de facto unsere Unabhängigkeit anerkannt hätten. Das betrifft auch die gemeinsame Grenzsicherung. In den Abkommen von Chassavjurt, in denen Russland und Tschetschenien im August 1996 einen Waffenstillstand vereinbarten, ist ein gemeinsamer Verteidigungsraum festgeschrieben. Russische Truppen sollten zusammen mit tschetschenischen Kontingenten die Grenze Tschetscheniens sowohl zu Georgien als auch zu Dagestan bewachen. Der damalige Oberkommandierende der russischen Grenztruppen, General Andrej Nikolajew, weigerte sich jedoch, dies auszuführ

Jetzt riegelt Russland die Grenze ab.

Russland hat seine Kräfte nicht zum Schutz seiner Grenze zusammengezogen, sondern zu einem neuen Einmarsch in Tschetschenien. Dafür sprechen die Auswahl der Einheiten wie deren Bewaffnung.

Wie kann eine neuer Kaukasuskrieg noch verhindert werden?

All unsere Hoffnungen ruhen auf Europa. Europa muss sich darüber klar werden, dass der Konflikt im Kaukasus kein innerrussisches, sondern ein europäisches Problem ist. Wird dessen Lösung weiter vertagt, dürfte der Schaden langfristig größer sein als in Bosnien und im Kosovo. Ein neuer Krieg im Kaukasus wird nicht an den Grenzen Dagestans und Tschetscheniens Halt machen, sondern sich auf den gesamten Nordkaukasus ausdehnen und früher oder später auch auf Georgien und Aserbaidschan übergreifen.

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