Politik : Zlatko oder die Inder - wer soll bleiben? (Leitartikel)

Giovanni Di Lorenzo

Er ist ein bisschen doof und arbeitsloser Industriemechaniker. Sein Deutsch ähnelt jenem Kauderwelsch, das neue Kabarettisten gerne verwenden, um den Slang junger Ausländer zu parodieren. Der Junge heißt Zlatko, und er ist Darsteller der anhaltenden Fernsehepidemie namens "Big Brother". In dieser Serie hat der Sohn mazedonischer Eltern unter jungen Leuten Kult-Status erreicht. Nur, warum: Wird hier ein Prolo-Typ gefeiert, bei dem es keine Rolle mehr spielt, woher er kommt? Oder zeigt sich am Beispiel Zlatkos die postmoderne Variante der Ausländerfeindlichkeit: Zlatko als Witzfigur, nach dem Ausländer-Klischee: tumb, ungehobelt, handgreiflich?

Sicher ist, dass Politiker einen anderen Ausländer vor Augen haben, wenn sie über die Green Card für Informatiker aus Indien diskutieren. Es ist ein Ausländer mit Gütesiegel (Hochschulreife) und Frischhaltegarantie (darf maximal fünf Jahre im Land bleiben). Diese Vorzüge werden besonders herausgestellt, weil die Initiatoren der Verordnung wissen, wessen Ängste sie klein halten müssen: die der Gewerkschaften, die auf arbeitslose deutsche Fachkräfte verweisen; die der Wähler in Nordrhein-Westfalen, die aus Protest CDU wählen könnten.

Deutsche Unternehmer haben die Parole des Unions-Kandidaten Rüttgers in NRW ("Kinder statt Inder") als provinziell und primitiv gerügt - zu Recht. Aber die Empörung über solche Stimmungsmache überschattet die unausweichliche Debatte über ein Einwanderungsgesetz. Einwanderung bedeutet: kontrollierter Zuzug von Ausländern. Der erfordert Antworten auf zwei Fragen: Wie viele Ausländer wollen wir? Und welche - den pflegeleichten Inder mit Reifeprüfung oder Zlatko, der von der Alu lebt?

Diese Fragen machen auch jene verlegen, die sich für ein liberales Einwanderungsgesetz einsetzen, nicht zuletzt als eine Art Wiedergutmachung für Einschnitte beim Asylrecht. Doch machen wir uns nichts vor: Der glückverheißenden Perspektive von Ausländern, die durch ihre Fertigkeiten Deutschland buchstäblich bereichern, wird schnell die Realität hier lebender Ausländer entgegengestellt werden: Gegen die Einwanderung spricht die Absonderung der Ausländer. Daran sind die Deutschen zum Teil selbst schuld: In der frühen Nachkriegszeit brauchte man Ausländer, aber bitte nur als "Gastarbeiter". Dass viele von ihnen blieben, galt als Betriebs-unfall. Die Fehlentwicklungen der letzten Jahre aber kann man nicht allein den Deutschen anlasten: Massenhaft leben hier Ausländer, die den Schlüssel zur Einwanderung - Erfolg durch Integration - nicht mehr in der Hand halten. Insbesondere unter jungen Leuten aus Südost-Europa ist ein Heer von schlecht ausgebildeten, schlecht deutsch sprechenden Ausländern herangewachsen, deren Neigung gering ist, aus ihrem Ghetto auszubrechen. Deutschland hat zudem Hunderttausende Aussiedler aufgenommen und - auch nach der Änderung der Asylrechts - die höchste Anzahl von Bewerbern in Europa.

Niemand kann die in Deutschland lebenden Ausländer nachträglich in Gute und Schlechte einteilen. Und Zlatko fliegt allenfalls aus dem Fernsehcontainer von "Big Brother" heraus. Auch die jetzige Diskussion ist trotz der erwähnten Ausfälle ein Fortschritt: Über alle Parteigrenzen hinweg sagen immer mehr Deutsche, dass sie Ausländer nicht nur tolerieren, sondern dringend brauchen. Zum einen ist nun nicht mehr zu leugnen, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist. Zum anderen erlaubt diese Einsicht, dass wir uns das Zusammenleben nicht mehr nach Multikulti-Art schönreden müssen.

Wer neue Einwanderer will, muss sagen, was mit jenen Ausländern geschehen soll, die ohnehin kommen, den Flüchtlingen und Asylbewerbern. Vielleicht kommen ja nach der Landtagswahl brauchbare Vorschläge.

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