Politik : Zollitsch gegen Anzeigepflicht bei Verdacht auf Missbrauch

München - Der Vorsitzende der Bischofskonferenz sieht eine Anzeigepflicht bei Verdacht auf sexuellen Missbrauch kritisch. Er höre immer wieder von Fällen, bei denen Opfer über ihr Leid sprechen wollten, aber eine Anzeige ausdrücklich nicht wünschten, sagte Zollitsch. „Das stürzt uns moralisch in Probleme, da wir ja dennoch daran interessiert sind, dass Täter überführt werden und der staatliche Prozess zu einem Urteil kommt.“ Seines Erachtens verlange der Weg zur Staatsanwaltschaft zudem Anhaltspunkte für eine mutmaßliche Tat. „Immerhin kann man Menschen durch falsche Beschuldigungen geistig umbringen. Darüber wird vielleicht in der momentanen erhitzten Situation zu wenig nachgedacht.“

Zollitsch trat dem Vorwurf entgegen, der Zölibat sei mit Ursache für sexuelle Übergriffe. Es gebe „jedenfalls keine direkte Verbindung“. Wohl in kaum einem anderen Beruf als dem des Priesters werde während der Ausbildung so viel in Bezug auf die emotionale Reife zur Klärung beigetragen. Zu den Angriffen auf den Papst, in dessen Münchner Zeit ein Missbrauchsfall verschleiert wurde, sagte Zollitsch, dies sei weder auf Weisung noch mit Kenntnis des damaligen Erzbischofs geschehen.

Die katholischen bayrischen Bischöfe hatten jüngst erklärt, künftig bei der Bekämpfung des sexuellen Missbrauchs eng mit der Justiz kooperieren und alle Verdachtsfälle der Staatsanwaltschaft melden zu wollen.

Unterdessen provozierte der Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller am Samstag mit einer Predigt empörte Reaktionen, indem er den Medien wegen der Art ihrer Berichterstattung über Missbrauchsfälle eine „Kampagne gegen die Kirche“ vorwarf und sie mit der Haltung des NS-Regimes verglich. Die Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, zeigte sich entsetzt und sprach von „Geschichtsfälschung“. Die Grünen-Landtagsfraktion forderte den Bischof zum Rücktritt auf. Ein Bistumssprecher bestritt den Vergleich und sprach von einer „Ente“. Zum Beleg veröffentlichte das Bistum einen Ausschnitt aus der Predigt. Darin beklagt der Bischof mit Blick auf die Medien unter anderem, dass es „auch jetzt“ eine Kampagne gegen die Kirche gebe. So wie die Katholiken 1941 der Kirche treu gewesen seien, „so wollen wir auch heute in dieser bedrängten Situation als Kirche zusammenstehen“. AFP/ddp

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