Politik : Zu dick, zu dumm?

Bundeswehrverband sieht Nachwuchsprobleme auf die Armee zukommen – das Ministerium wiegelt ab

Juliane Schäuble

Berlin - Auf die Bundeswehr kommt eine fast unlösbare Aufgabe zu. „In den nächsten Jahren wird es immer schwerer, intellektuell und körperlich geeigneten Nachwuchs zu finden“, sagt Bernhard Gertz, Vorsitzender des Deutschen Bundeswehrverbands. Die Zahl der Bewerber wird aufgrund schrumpfender Jahrgänge abnehmen, und deren Leistungsfähigkeit verschlechtert sich dramatisch. Dieter Leyk, Autor einer Bundeswehr-Studie, warnte vor kurzem, die Einsatzbereitschaft der Streitkräfte könne bald schon gefährdet sein.

Die FDP-Bundestagsfraktion fragte im Januar bei der Bundesregierung an, wie es um den Nachwuchs bei der Bundeswehr bestellt sei. Die Antwort fiel sorglos aus – was die FDP ärgert. Denn ein wichtiges Argument für die allgemeine Wehrpflicht, welche die FDP abschaffen will, lautet: Sie garantiert ausreichend qualifizierten Nachwuchs. Das Verteidigungsministerium wiegelt ab. Sprecher Klaus Reinecke sagt, die Bundeswehr sei in der Konkurrenz mit anderen Arbeitgebern gut positioniert und im Hinblick auf die Bevölkerungsentwicklung gewappnet. Reinecke verweist auf die Statistik: Für 17 000 neu zu besetzende Jobs seien rund 50 000 Bewerbungen eingegangen.

In Wahrheit sei sich die Bundeswehr durchaus bewusst, was für ein Problem auf sie zukomme, meint Otfried Nassauer vom Berliner Informationszentrum für Transatlantische Sicherheit. Auch sie könne dem drohenden Fachkräftemangel nicht entgehen. Die Zahl der 18- bis 21- Jährigen wird ab 2010 deutlich abnehmen, nach Bundeswehrangaben werden statt 450 000 noch 350 000 junge Männer wehrdienstfähig sein. „In den ostdeutschen Bundesländern werden wir schon ab dem nächsten Jahr einen dramatischen Einbruch erleben“, prophezeit Gertz. Seit der Wende habe die Bundeswehr 45 Prozent ihrer Berufs- und Zeitsoldaten in Ostdeutschland rekrutiert; in drei Jahren wird dort die Zahl der 18-jährigen Männer auf 60 000 halbiert sein.

Die Bundeswehr konkurriert dann mit vielen anderen Arbeitgebern – um die gleiche Zielgruppe ausbildungsfähiger Jugendlicher. Laut Nassauer ist sie dafür aber nicht attraktiv genug: „Sie setzt den Schwerpunkt vor allem bei der militärischen Ausbildung und zu wenig bei allgemeiner Bildung und Weiterbildung.“ Die Bundeswehr ist mit jährlich mehr als 20 000 zu besetzenden Stellen einer der größten Arbeitgeber im Lande. Und ein wichtiger Bildungsträger, von der dualen Berufsausbildung bis hin zum Hochschulabschluss ist alles möglich. „Im Grunde sind wir eine Zeitarbeitsfirma“, sagt Uwe Köpsel vom Zentrum für Nachwuchsgewinnung in Berlin. „Wir bilden junge Leute aus, die wir später zurück an den Arbeitsmarkt geben.“ Zur Auswahl stehen technische Berufe wie Elektroingenieur und Kfz-Mechaniker, die Ausbildung zum Diplomkaufmann sowie zum Arzt oder Apotheker im Sanitätsdienst.

Doch die Gehälter sind bei anderen Arbeitgebern verlockender. „Das Problem ist, dass bei der Bundeswehr nach Dienstgraden und nicht nach Verwendung bezahlt wird“, sagt Katja Roeder, Vorsitzende Sanitätsdienst beim Bundeswehrverband und zuständig für Gleichstellungsfragen. Derzeit seien 130 000 der 180 000 Berufs- und Zeitsoldaten in den Besoldungsstufen A3 bis A8. Knapp 1500 Euro brutto für einen 21-jährigen Gefreiten, rechnet Roeder vor: „So eine niedrige Stufe gibt es bei der Polizei gar nicht.“ Dort fange man bei A8 an. Wirklich steigern würde sich der Sold der „Indianer“ – alle Soldaten vom Gefreiten bis zum Feldwebel – auch nicht. „Sechs Jahre später verdient ein Feldwebel dann rund 1800 Euro.“ Ein Arzt in der freien Wirtschaft könne bis zum Chefarzt aufsteigen, hier ende die Karriere mit dem Oberstarzt.

„Ziel war einmal, dass zehn Prozent Frauen bei den Streitkräften arbeiten. Aktuell sind es sechs Prozent“, sagt Roeder. Nur eine einzige Frau befindet sich derzeit in der Ausbildung zur Jetpilotin. „Ohne Frauen würde die Personallücke noch größer“, sagt Verbandssprecher Wilfried Stolze. Die Mühlen mahlen langsam: Teilzeitdienst ist erst seit einem Jahr möglich. Sehr spät, findet Roeder. „In der Wirtschaft ist das doch schon lange normal.“

Erschwerend kommt ein ganz anderes Problem hinzu: die „Generation XXL“. Immer öfter müssen Bewerber abgewiesen werden, weil sie nicht fit genug sind.Der Nachwuchs ist zu dick. Das besagt zumindest eine Studie des Zentralen Instituts des Sanitätsdienstes der Bundeswehr Koblenz, die Fitnesstests von 50 000 Bewerbern vergleicht. Oberstarzt Dieter Leyk stellt darin fest: Die körperliche Leistungsfähigkeit junger Männer ist in den letzten fünf Jahren „gravierend“ zurückgegangen. Bei gleich bleibender Größe sei deren Gewicht signifikant gestiegen – und dabei handele es sich definitiv nicht um Muskelmasse. Ein gesellschaftliches Problem, sagt Roeder, „aber eines, das die Bundeswehr besonders trifft“.

„Schon gibt es Engpässe bei Kurzzeitverpflichtungen und freiwillig länger dienenden Wehrpflichtigen“, sagt Nassauer. Die Bundeswehr müsste jetzt qualifizierte Junge einstellen, um für die geburtenschwache Zukunft gerüstet zu sein. „Doch das geschieht nicht.“ Zusätzliche Einstellungen seien finanziell nicht drin. Und so werde das Problem einfach ausgesessen.

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