Politik : Zu Gast bei Freunden

Die Nähe zwischen Bush und Merkel ist augenfällig – und macht deutlich, dass er viel von ihr erwartet

Moritz Döbler[Washington]

Mit Besuchern aus Deutschland hat George W. Bush gemischte Erfahrungen gemacht. An freundlichen Worten hat es selten gefehlt, an echter Einigkeit schon. Und so lässt er sich bei allen Lobpreisungen für Angela Merkel doch auch Skepsis anmerken. „Ich würde das nicht ein neues Kapitel nennen, weil wir auch vorher schon Kapitel geschrieben haben“, sagt er über die Kanzlerin und ihren Vorgänger Gerhard Schröder. „Sie äußert ihre Überzeugungen, und ich tue das selbstverständlich mit meinen. Wir sind in der Lage, Gemeinsamkeiten zu finden, und natürlich sind wir auch unterschiedlicher Meinung.“

Anders als beim Thema Irak sind die USA und Deutschland beim Thema Iran aber – noch – ganz einer Meinung. Iran darf nicht in den Besitz von Atomwaffen kommen, und das soll mit diplomatischen Mitteln verhindert werden: So lautet die Formel des zweiten Besuchs der Kanzlerin im Weißen Haus. Das Wort von der „Koalition der Willigen“ wird ausgespart, stattdessen ist von „Partnern für den Frieden“ die Rede. Für den Erfolg der Diplomatie sehe sie „eine gute Chance“, sagt Merkel, und Bush nennt es „einen guten Ausgangspunkt“, dass auch Russland diese Minimalformel unterstütze.

Weniger offen äußern sich die beiden Regierungschefs, welche Sanktionen gegen Iran ergriffen werden sollen oder wie es nach einer ersten Resolution des UN-Sicherheitsrats weitergehen kann. „Das ist die Sorte Fragen, die Verbündete im Geheimen diskutieren“, meint Bush. „Schritt für Schritt“ müsse man vorgehen, sagt Merkel. Kein Säbelrasseln, kein Verweis auf militärische Optionen, keine Demonstration der Stärke – da sind sie einer Meinung. Neben den Vetomächten Russland und China sollen auch Indien, die Türkei und Südafrika für die Linie des diplomatischen Drucks gewonnen werden, vielleicht sogar erste arabische Staaten wie die Emirate.

Noch ist nicht absehbar, ob diese demonstrative Einigkeit am Ende viel oder wenig wert ist, noch stehen keine Entscheidungen über Krieg und Frieden an. Und die Kanzlerin, der nachgesagt wird, alle Entscheidungen vom Ende her zu denken, mahnt, Schritt für Schritt vorzugehen. Doch schon jetzt ist klar, dass Bush und Merkel um eine besondere Nähe bemüht sind. Man hat viel telefoniert seit dem ersten Besuch von „Änschela“ Anfang des Jahres, und da war offenbar auch mehr als Smalltalk. Eine persönliche Beziehung entwickle sich zwischen ihnen, sagt Bush nach einem gemeinsamen Spaziergang durch den sonnigen Garten des Weißen Hauses. „Sie ist eine klare Denkerin, sie spricht sehr ehrlich.“ In der Iranfrage zeige sie „Stärke und Standhaftigkeit“. Weil sie in einem unfreien Land aufgewachsen sei, habe ihr Wort für ihn besondere Bedeutung.

Merkel nutzt dieses Interesse an ihrer DDR-Vergangenheit. Mitte Juli wird sie Bush in ihrem Wahlkreis rund um Rügen und Stralsund erwarten. Auf dem Weg zum Gipfel der sieben führenden Industrienationen und Russland (G 8) in Petersburg stattet Bush den neuen Bundesländern überraschend einen Kurzbesuch ab. Merkel will ihn mit Menschen zusammenbringen, die wie sie den Fall des Eisernen Vorhangs hautnah erlebt und politische Verantwortung im vereinigten Deutschland übernommen haben.

Am Ende eines mehr als 24-stündigen Arbeitstags sitzt Angela Merkel vor deutschen Journalisten in einem Konferenzsaal im Willard. Das Wort Lobbyist ist in der Lobby dieses altehrwürdigen Washingtoner Hotels geprägt worden. Es ist nach deutscher Zeit schon früher Morgen. Merkel lehnt sich zurück, nippt an einem Glas Rotwein, ihre Hände liegen ruhig auf ihrem Schoß. Mit einem englischen Satz beschließt sie den Tag. „I will try to do my very best“, sagt sie lächelnd. Ob ihr Bemühen reichen wird, wird sich an einem anderen Tag zeigen.

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