Politik : Zu Hause bei bin Laden

Caroline Fetscher

Wenn es stimmt, was der pakistanische Journalist Hamid Mir am Wochenende behauptete, dann ist ihm der Scoop gelungen, von dem alle Kollegen rund um Afghanistan träumen. Hamid Mir, Redakteur der in Karachi ansässigen Zeitung "Dawn" sowie der Zeitung "Ausaf", veröffentlichte in "Dawn" ein Interview mit dem meistgesuchten Mann der Welt: Osama bin Laden.

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Themenschwerpunkte: Krieg - Afghanistan - Bin Laden - Islam - Fahndung - Bio-Terrorismus
Fotostrecke: Der Krieg in Afghanistan Mit verbundenen Augen habe man ihn, erklärte er, von Kabul aus ein paar Stunden weit in einem Jeep herumgefahren, bis an einen Ort "an dem es sehr kalt war, und wo man Luftabwehrgeschütze hören konnte". Dort habe er eine Zeitlang warten müssen, bis bin Laden mit einem Dutzend Bodyguards und seinem Mitstreiter Dr. Ayman Al-Zuwahiri auftauchte. Inzwischen hat Hamid Mir dem amerikanischen CNN-Korrespondenten Nic Robertson das Band mit der Aufnahme des Interviews vorgespielt - um zu beweisen, dass er es wirklich geführt hat.

Generell wäre eher der Umstand eine Sensation, dass ein Medienvertreter persönlich zu bin Laden vorgedrungen ist, als das Interview selbst. Bin Laden wiederholt seine Äußerungen zur Supermacht USA, gibt sich jedoch etwas versöhnlicher mit der breiten Masse der Amerikaner. Auf die Frage, ob sein Kampf der Regierung der USA, nicht aber der Bevölkerung gelte, antwortete er "Ja!". Allerdings forderte er die Amerikaner auf, wie "beim Protest gegen ihre Regierung im Vietnam-Krieg", den Krieg der USA gegen Muslime in aller Welt nicht zu dulden: "Die Amerikaner sollten daran denken, dass sie ihre Steuern an diese Regierung zahlen." Und daran, "dass diese Regierung Rüstung produziert, die sie an Israel verkauft, wo damit Palästinenser massakriert werden". Schlagzeilen machte Hamid Mir jedoch mit bin Ladens Behauptung, er verfüge über Atomwaffen und chemische Waffen, von denen er bei einem "Gegenschlag" Gebrauch machen könne. Woher er die Waffen habe, will Mir wissen. "Nächste Frage!", antwortet bin Laden. Das Pentagon hält diese Drohung für unglaubwürdig; es gebe nur Belege für bin Ladens Versuche, sich solches Material zu beschaffen.

Bin Ladens Spiel mit den Medien dauert nun schon acht Wochen. Bisher nutzt er den Sender Al Dschasira, um Videos zu lancieren. Doch nun dieses Interview. Hunderte anderer Medien - und eine Reihe von Geheimdiensten - jagen nun jenen Mann, der den Gejagten gesprochen haben will. Versucht man, Hamid Mir in Karachi zu erreichen, braucht man bei "Dawn" nicht zu erklären, worum es geht: "Mister Mir? Der ist nicht hier!" sagen die Mitarbeiter in "Harun House", dem Redaktionssitz von "Dawn" - ungefragt. Man erhält eine Kontaktadresse in Islamabad. Dort erkundigt sich ein Mir-Mitarbeiter genauer, wer man ist, bis er Hamid Mirs mobile Telefonnummer herausrückt. Die ist von Morgengrauen bis Dämmerung besetzt. Jedes Detail, das Mir über seine Reise mitteilen könnte, hätte für Nachrichtendienste enormen Wert. Sie werden vor allem mehr über den Interview-Ort erfahren wollen, der trotz stundenlanger Fahrt dicht bei Kabul liegen kann, falls der Jeep dieselben Strecken mehrmals abgefahren ist. Eines scheint jetzt gewiss, vorausgesetzt, Mister Mirs Geschichte erweist sich als wahr: Dann hält sich der mutmaßliche Chefterrorist tatsächlich, anders als oft spekuliert wurde, noch in Afghanistan auf.

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