Politik : Zu neuem Leben

Hunderte Familien fanden dank Leserspenden wieder ein Zuhause. Zu Besuch auf Sri Lanka

Text,Fotos: Annette Kögel

Bei jedem Schritt Richtung Ozean nimmt die Beklemmung zu. Türkisfarbenes Wasser, goldener Sand, ein Fischer im Wickelrock neben einem Boot – ein Urlaubsparadies. Doch am 26. Dezember 2004 war das die Hölle. Daran erinnern Geröllhaufen, umgestürzte Bäume, die Treppenstufen, die ins Nichts führen. Vom Dorf hat der Tsunami am Strand von Mullaitivu nichts übrig gelassen als Fundamente. 6000 Menschen waren in dem Ort im Nordosten Sri Lankas vor dem Seebeben zu Hause. Die Hälfte von ihnen ist jetzt tot, liegt in den Massengräbern am Ortseingang. „Ich habe meine Familie verloren, alle. Meine Eltern, meine Frau, meine Kinder, meine Verwandten“, sagt der Fischer. Er trägt ein T-Shirt der Marke „Only U“. Only you, nur du.

Doch der Mann wird nicht allein gelassen. Er hat wie viele andere in Mullaitivu ein neues Zuhause gefunden – in einem Behelfsdorf für Tsunami-Opfer, das die Deutsche Welthungerhilfe (DWHH) gemeinsam mit ihrer einheimischen Partnerorganisation Sewalanka einen Kilometer weiter im Landesinnern errichtet hat. In Mullaitivu konnten Überlebende von 357 Familien mit Verwandten und Freunden in Übergangshütten ziehen. In Sri Lanka zählt man nicht die Einwohner, hier zählt man die Familien. So groß ist der Zusammenhalt, so schwer wiegt der Verlust jedes Einzelnen. Dass die Menschen wieder eigene vier Wände haben, verdanken sie auch den Spendern in der Ferne. Über 540000 Euro überwiesen Sie, liebe Leser, an unsere Aktion „Ein Dach über dem Kopf“ mit der DWHH und Sewalanka. 250000 Euro wurden in die erste Aufbauphase in Mullaitivu und in Trincomalee investiert. In Mullaitivu konnten 307 der 357 Häuser durch die Tagesspiegel-Spendenaktion finanziert werden. Wir haben jetzt nachgesehen, was aus dem Geld geworden ist.

„Re-location for Tsunami Victims Silawattai“ steht auf dem Schild am Dorfeingang. Die Besucher werden neugierig und freundlich beäugt, die meisten Menschen jedoch haben sich vor der Hitze ins Innere der kühlen Häuser geflüchtet. Jede Hütte besitzt einen Betonboden, denn während der Regenzeit würden die Güsse den roten Sand durchweichen. Die Wände haben die Leute selbst aus Stein gemauert, die Dächer mit traditionellem Cajan-Palmgeflecht gedeckt. Jedes Haus hat einen abgetrennten Vorraum, die Küche. Hier kochen Frauen wie Jothy Vinsantypol Curry und Reis. Immer wieder betet sie vor dem Altar für ihre Tochter. Den Verlust wird sie nie verschmerzen, sagt sie. Aber wenigstens müsse sie nicht mehr in Massenunterkünften leben wie noch so viele Menschen im Süden der Insel.

Der Bau so einer Behelfshütte kostet 370 bis 525 Euro, die Standards hat die Regierung vorgegeben. Für viele der Menschen, die in Absprache mit den Dorfältesten hierher zogen, ist die neue Unterkunft vergleichsweise komfortabel: Sie lebten früher zwischen Wellblech und Pappe. „Wir haben die Materialien so gewählt, dass die Menschen die Häuser bei Bedarf selbst umsetzen können, wenn Regierung und Tamilen die Landfrage abschließend geklärt haben“, sagt DWHH-Mitarbeiter Martin Baumann. Im Tamilengebiet sind der Welthungerhilfe gerade sechs Dörfer für den permanenten Wiederaufbau zugesprochen worden. Noch ist aber vielerorts unklar, wie weit vom Meer entfernt die Menschen siedeln dürfen. Viele Hotelbetreiber bleiben am Wasser, weil Touristen Meerblick wollen. Auch in Mullaitivu bauen Einheimische Häuser am Strand wieder auf – sie wollen Boote und Netze im Blick behalten. Müssen das sogar, wie der Fischer erzählt. In Sri Lanka leben die Menschen nach dem System der Kasten. Deshalb kann ein Fischer nicht einfach wegziehen und Handwerker werden. Einmal Fischer, immer Fischer. Immerhin erleichtern Stromgeneratoren das Leben; jeden Tag werden die 1000-Liter-Tanks mit leicht getrübtem Wasser aus Gemeindebrunnen befüllt. In Silawattai gibt es 50 landestypische Stehtoiletten. Luxus für Mullaitivu, in Vor-Tsunami-Zeiten war das militärische Sperrzone. Noch heute ist die Grenze zwischen dem Regierungsgebiet im Süden und dem Areal der „Liberation Tigers of Tamil Eelam“ (LTTE) im Norden scharf bewacht. Kinder zeichnen hier Landminen und Soldaten.

Zwei Schulen gibt es im Dorf. In Erdkunde können die Lehrer ihren Schülern jetzt erzählen, dass dieser Baum da am Strand nahe Mullaitivu eigentlich nur im 7000 Kilometer entfernten Indonesien wächst. Er kam mit dem Tsunami hierher.

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