Politik : Zu schnell abgedreht - Die Nato und der Film über die Brücke im Kosovo (Kommentar)

Christoph von Marschall

Den Kosovo-Krieg hat die Nato von Anbeginn an zwei Fronten geführt: mit den Luftangriffen gegen Serbien und daheim im Kampf um das Vertrauen der Bürger, dass die Allianz das Richtige tut. Militärisch konnte sie die Auseinandersetzung nicht verlieren, sondern nur an der "Heimatfront": wenn das Vertrauen und die Unterstützung für den Einsatz der militärischen Übermacht wankten. Entsprechend groß war der Aufwand bei der Darstellung der Kampfhandlungen via Fernsehen, Pressekonferenzen und Internet. Vergleichbar einem Werbefeldzug in einem generalstabsmäßig vorbereiteten Präsidentschaftswahlkampf.

Dass Politik ihr Erscheinungsbild schönfärbt, ja manipuliert, regt niemanden mehr auf. Warum soll es dann wichtig sein, ob die Nato die Videobilder von der Zerstörung der Brücke von Grdelicka mit der richtigen Geschwindigkeit abspielte und ob sie auch andere Details korrigieren muss?

Weil es um Leben und Tod geht. Weil auf diese Brücke im Moment des Beschusses ein Zug fuhr, in dem 14 unbeteiligte Zivilisten starben, und sich die Frage stellt, ob das unvermeidbar war, wie die Nato behauptet. Weil, anders als in der politischen Vertrauenswerbung, kein augenzwinkerndes Einvernehmen zwischen PR-Profis und Publikum besteht, dass das Bild ein wenig geschönt werden darf. Die Nato nahm für sich in Anspruch, Fakten offen zu legen. Sie setzte gezielt die Videobilder mit all ihrer Suggestivkraft ein - als könnten die Zuschauer dabei sein und sich ein objektives Bild machen.

Bisher wirft niemand der Nato vor, dass sie die Darstellung gezielt manipuliert hat oder dass ihre Piloten den Tod der Zuginsassen bewusst in Kauf genommen haben, als sie den zweiten Angriff auf die Brücke flogen.

Anzulasten ist dem Bündnis aber, dass es sich entweder selbst nicht im Klaren war, wie sehr die "Kronzeugen"-Bilder technisch verändert waren, oder aber dieses Wissen der Öffentlichkeit vorenthielt. Und dass die Nato meinte, sie könne die Angelegenheit auf sich beruhen lassen, als sie auf den Vorgang aufmerksam wurde. Sie hätte sich besser sofort öffentlich korrigiert. Denn es gibt keine größere Bedrohung für die Nato als den Zweifel an ihrer Glaubwürdigkeit.

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