Politik : Zu viel Ego

Von Anja Kühne

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Die Königinnen der deutschen Hochschullandschaft sind gekürt. Doch die Krönungszeremonie war kein glanzvoller Augenblick, sie verlief im Streit. Die Wissenschaftler konfrontierten die Politiker von Bund und Ländern in der mit Spannung erwarteten Endausscheidung um Eliteunis überraschend und gegen die Absprache mit dem Auswahlergebnis. Eine Diskussion war nicht mehr möglich – sollte nicht möglich sein. Die Botschaft sollte lauten: In diesem Wettbewerb wird nicht politisch geschoben, es gibt keine Unions- oder SPD-Unis, eine Begünstigung der Hauptstadtunis genauso wenig wie eine Motivationsspritze für den Osten. Leistung allein zählt.

Das ist ein lobenswerter Ansatz. Wissenschaftler entscheiden über Wissenschaft – peer review nennt man das. Die Gutachter, die für die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) und den Wissenschaftsrat monatelang ungezählte Anträge gesichtet und gewogen haben, wissen am besten, wie eine innovative Uni oder ein Forschungsschwerpunkt aussieht. Hinter ihnen liegt eine oft auch entsagungsvolle Herkulesaufgabe.

Trotzdem fällt jetzt ein langer Schatten auf das Verfahren – und auch auf die Sieger: Karlsruhe und zweimal München sowie die Königinnen der Forschungsschwerpunkte: Bayern und Baden-Württemberg. Die Politiker von Bund und Ländern wurden dazu genötigt, den Vorschlägen der Wissenschaftler zuzustimmen.

War es richtig, den Politikern jede Mitsprache zu verweigern? Nein. Politiker haben den Wettbewerb ins Leben gerufen, sie finanzieren ihn mit öffentlichen Mitteln. Das heißt in keinem Falle, dass sie sich über die Einschätzung der Qualität der Unis durch die Wissenschaftler hinwegsetzen dürften. Die Vermutung, mächtige Länderchefs könnten Absprachen jenseits der wissenschaftlichen Leistungen treffen, hat im Januar, kurz vor der Entscheidung der Vorrunde, zu Recht für Unruhe gesorgt. Gesellschaftspolitische und hochschulpolitische Aspekte dürfen, ja müssen die Politiker aber schon zur Sprache bringen. Denn der Wettbewerb um insgesamt 1,9 Milliarden Euro für die Forschung wird Folgen für die gesamte Republik haben.

Ist das Ergebnis nun wenigstens nach „rein wissenschaftsgeleiteten Kriterien“ zustande gekommen, wie die Spitzen der Wissenschaftsorganisationen betonen? Nein, schon die Behauptung, Wissenschaft finde in einem unpolitischen Raum statt, ist absurd. Wissenschaftler leben nicht im gesellschaftsfreien Raum, die Vorstellung einer „reinen“ Wissenschaft ist falsch. Falsch ist auch die Vorstellung, die Forschungsanträge im Elitewettbewerb könnten allesamt gleichsam geschmacksneutral mit einem klaren Ja oder einem klaren Nein bewertet werden. Es gibt nicht nur Schwarz oder Weiß, sondern auch Grau. Über dieses Grau hätten die Wissenschaftler mit den Politikern diskutieren sollen. Sie taten es nicht. Das zeugt von einem zu großen Ego.

Geschmäckle hat auch, dass die Wissenschaftler wohl zum Schluss selbst getan haben, wovon sie die Politiker abhalten wollten: Sie haben in Einzelfällen nur mittelmäßig bewertete Anträge nach oben geschoben, um einer Uni doch noch zu ihrem Elitestatus zu verhelfen, wie es heißt, auch gegen den Widerstand einiger ihrer Kollegen.

Die vielen Verlierer unter Deutschlands Universitäten, darunter auch die in Berlin, wird das Verfahren empören. Die nächste Runde des Wettbewerbs, die bereits läuft, braucht mehr Transparenz – Politiker werden dabei helfen.

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