Politik : Zu Wasser und zu Lande

Der Deutsche Rupert Neudeck und seine Idee des kompromisslosen Helfens

Matthias Schlegel

Berlin - Das Jubiläum, das in wenigen Wochen zu begehen sein wird, könnte wegen der aktuellen Irritationen ein wenig nüchterner ausfallen als von den Mitarbeitern erhofft. Am 9. August 1979, also vor 25 Jahren, lief die „Cap Anamur“ zum ersten Mal aus, um vietnamesische Flüchtlinge aus dem Südchinesischen Meer aufzufischen, die in waghalsigen Aktionen die Flucht aus ihrem kommunistischen Heimatland angetreten hatten. Das kurz zuvor von Rupert Neudeck mit Unterstützung von Heinrich Böll gegründete Komitee „Ein Schiff für Vietnam“ hatte in einer atemberaubenden Spendenaktion innerhalb kürzester Zeit so viel Geld eingesammelt, dass es den so genannten „boat people“ auf ihren Nussschalen eine schwimmende Rettungsinsel entgegenschicken konnte. Nach Angaben der Organisation wurden von der ersten „Cap Anamur“ und den Folgeschiffen insgesamt 10 375 Menschen aus dem Meer geborgen, 35 000 weitere an Bord medizinisch versorgt.

Ein Gespräch mit dem französischen Philosophen Andre Glucksmann, mit dem der Journalist Neudeck 1979 in einem Pariser Cafe zusammengesessen hatte, war für Neudeck damals der Anlass gewesen, seinem Leben einen neuen Inhalt zu geben. Glucksmann hatte ihm von den unsäglichen Zuständen auf der vietnamesischen Flüchtlingsinsel Pulau Bidong erzählt. 1982 dann wurde die Organisation in „Komitee Cap Anamur/Deutsche Notärzte e.V.“ umbenannt. Ihr Wirkungsfeld beschränkte sich nicht mehr nur auf das Wasser, sondern Neudeck ging mit seinen Teams in viele Krisengebiete dieser Welt: nach Somalia, Uganda, Sudan, Eritrea, Afghanistan, Nordkorea. Sie bauten Krankenhäuser in Äthiopien, versorgten Minenopfer in Sierra Leone, errichteten Schulen in Ruanda und deckten Dächer in Bosnien.

Als das Blutvergießen im Kosovo Europa aufrüttelt, redet Neudeck nicht, sondern fährt hin – und setzt sich dem Vorwurf aus, wegen der Unkenntnis der konkreten Lage sich und seine Leute unakzeptablen Risiken auszusetzen. Das aber ist so etwas wie die Mission von Cap Anamur: schnell vor Ort zu sein, um helfen zu können, auch wenn Sicherheitsbedenken dagegen sprechen und behördliche Genehmigungen fehlen. „Geballte Klugheit kann auch ein Hindernis sein für Aktionen“, hat Neudeck, selbst studierter Theologe und Philosoph, einmal gesagt. Es ist die emotional fundierte Effizienz des Helfens, die die Leute von Cap Anamur umtreibt und der sie auch manche ernst zu nehmende rationale Bedenken unterordnen. Häufig ist es die Politik, die sich ihnen in den Weg stellt, weil das Regelwerk der Gesetze und der Diplomatie starrer und träger ist als der Drang der Retter. Das ist es auch, was ihnen in der Bevölkerung so viel Sympathie einbringt, die wiederum in große Spendenbereitschaft mündet. Längst ist Cap Anamur ein Großunternehmen in Sachen Humanität geworden, das jedes Jahr etliche Millionen Euro Spendengelder umverteilt, im günstigsten Falle als Hilfe zur Selbsthilfe armer oder geschundener Regionen.

Jeder, der bei Cap Anamur mitarbeitet, erhält einen Einheitslohn von 1100 Euro brutto – egal ob Arzt oder Pfleger, Maurer oder Logistiker. Alle haben sich für einen sechsmonatigen Einsatz verpflichtet, viele verlängern, heißt es in der Organisation.

Als der damals 63-jährige Rupert Neudeck und seine Frau Christel Ende 2002 nach 23 rastlosen und gefahrvollen Jahren die Kommandobrücke von Cap Anamur verlassen, folgt dem besessenen Lebensretter der gleichfalls unerschrockene Hörfunkjournalist Elias Bierdel. Der hatte einst die Warnungen seines ARD-Intendanten in den Wind geschlagen und war als Korrespondent trotz zunehmender Bombenangriffe eine Woche länger im Kosovo geblieben. – Neudeck sah sein Erbe in guten Händen. Nun werden sie noch einmal eine Menge miteinander zu reden haben.

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