Politik : Zu wenig Frieden

Andrea Nüsse

War es nun eine Reaktion auf die Rede von Palästinenserpräsident Jassir Arafat oder eine Reaktion auf die Ermordung des Hamas-Aktivisten Jakub Adkediq durch die israelische Armee wenige Stunden später? Die Islamische Widerstandsbewegung Hamas hat am Montag in einem Kommunique die Fortsetzung des bewaffneten Widerstandes gegen die israelische Besatzung angekündigt.

In dem Schreiben heißt es, eine Beendigung des Widerstandes bedeute grünes Licht für die Kampagne des israelischen Ministerpräsidenten Ariel Scharon zur "Ausmerzung der Palästinenser". Die Bewegung ist überzeugt, dass "Dschihad" und "legitimer Widerstand" am Ende gegen die Besatzung triumphieren. Damit hat Hamas die Herausforderung angenommen, die Arafat in seiner Fernsehansprache am Sonntag formulierte: So klar wie selten zuvor hat er darauf gepocht, dass die Autonomiebehörde die einzige legitime Autorität in den Palästinensergebieten sei. Diejenigen, die sich ihren Anordnungen widersetzten, würden verfolgt.

Diese Warnung war auf Hamas und die kleinere islamistische Organisation Islamischer Dschihad gemünzt, die für die meisten Selbstmordanschläge in Israel verantwortlich sind. Diese hat die Autonomiebehörde immer abgelehnt, jetzt hat Arafat sie öffentlich und unter Strafandrohung untersagt. Gleichzeitig haben palästinensische Sicherheitskräfte zahlreiche Islamisten festgenommen und Büros der Organisationen geschlossen. Da Israel aber auch nach Arafats Rede an seiner Politik festhält, verdächtige Palästinenser zu erschießen, ist es wenig verwunderlich, dass Hamas die Fortsetzung seines Kampfes ankündigte. Die Frage ist nur, ob dieser Kampf auch weiter Selbstmordanschläge in Israel umfasst oder nicht. Dafür gibt es bisher kaum Hinweise.

Der Hamas-Vertreter Scheich Said Siam hatte gegenüber AFP erklärt, man verstehe, dass Arafat unter Druck spreche. Er betonte auch wie üblich die Notwendigkeit, die palästinensische Einheit zu bewahren. Daraus könnte man schließen, dass Hamas zwar nicht den Widerstand aufgeben, vielleicht aber die Selbstmordanschläge aussetzen werde. Dies hatte Hamas in der Vergangenheit häufig getan, wenn Arafat einen Waffenstillstand ausgerufen hatte. Doch dies wäre nicht genug, um Israel zu befriedigen.

Die Einschätzung Scheich Siad Siams, Scharon werde seine Angriffe auf die Palästinenser fortsetzen, egal ob die Palästinenser einen Waffenstillstand einhielten oder nicht, zeugt dagegen von der Hoffnungslosigkeit vieler Palästinenser.

Wenn es nun heißt, Arafat gehe gegen Hamas vor, ist damit vor allem dieser militärische Flügel gemeint. Er bedroht das Gewaltmonopol Arafats. Dies bedeutet jedoch keinesfalls das Ende der Hamas, denn die Organisation ist gleichzeitig eine politische und soziale Bewegung mit einem breiten Netzwerk karitativer Einrichtungen. Diese Standbeine haben die Bewegung, die aus der Muslimbruderschaft hervorgegangen ist, insbesondere im verelendeten Gaza-Streifen stark gemacht. Hatte man sich zunächst für Jahrzehnte damit begnügt, die islamische Erziehung zu stärken, steht seit dem Ausbruch der ersten Intifada auch Widerstand gegen die Besatzungsarmee auf dem Programm.

Heute ist Hamas die stärkste innenpolitische Opposition zu Arafat. Es ist ihr gelungen, den Palästina-Konflikt in religiösen Worten und Weltsichten zu erklären, der vielen Menschen vertraut ist. Gleichzeitig hat die Organisation jedoch auch westliche Ideen wie den Nationalismusgedanken oder auch den Demokratiegedanken problemlos in ihre Ideologie integriert. Und sie damit verblüffend an den konkreten politischen Kampf gegen die israelische Besatzungsmacht angepasst. Auch die israelische Politik, eine eigenständige Identität der Palästinenser zu leugnen, trieb die Menschen zur Hamas. In der West-Bank, die traditionell bessere Ausbildungs- und Verdienstmöglichkeiten bot, konnte sich die Hamas dagegen nie so etablieren wie im Gaza-Streifen.

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