Politik : Zu wenige Messgeräte in Fukushima

Atomaufsichtsbehörde kritisiert Betreiberfirma / Chaos um Strahlenwerte wohl durch Computerfehler

Tokio - Der japanische Energiekonzern Tepco schiebt das selbst verursachte Chaos um die Strahlungswerte an der Atomruine Fukushima 1 auf einen Computerfehler. Das Programm, mit dem radioaktive Elemente analysiert und ihre Strahlung bestimmt werden, sei fehlerhaft, gab Tepco nach Angaben des Fernsehsender NHK am Freitag bekannt. Entwarnung bedeutet das jedoch nicht: Das Grundwasser nahe des Kraftwerks ist verstrahlt. Premier Kan will am Samstag in die erdbebenzerstörte Stadt Rikuzentakata und in die Präfektur Fukushima reisen, in der auch das Atomkraftwerk steht. Zum Kraftwerk selbst wird er wohl nicht kommen. Bisher war Kan nur in einem Hubschrauber über die Region geflogen.

Die japanische Atomaufsichtsbehörde hat die Betreibergesellschaft zudem wegen mangelhaften Schutzes der Arbeiter vor radioaktiver Strahlung kritisiert. Der Betreiber Tepco sei aufgefordert worden, alles zu tun, um die Arbeiter vor der Strahlung zu schützen, sagte Behördensprecher Hidehiko Nishiyama am Freitag. Demnach hatte Tepco die Arbeiter nach dem verheerenden Erdbeben und anschließenden Tsunami vom 11. März auch nicht mit genügend Strahlenmessgeräten ausgestattet.

Nach Angaben der Atomsicherheitsbehörde gingen die meisten Messgeräte verloren, als die Tsunamiwelle über das Kraftwerk hinwegrollte. Die Zahl der Messgeräte sei von ursprünglich 5000 auf 320 nach dem Tsunami zurückgegangen. Tepco habe die Arbeiter daraufhin in Teams eingeteilt und ein Messgerät pro Gruppe ausgegeben, um die Strahlenbelastung in der jeweiligen Arbeitsumgebung zu messen. Inzwischen habe Tepco wieder genügend Messgeräte, so dass jeder Arbeiter mit einem Gerät ausgestattet werden könne, hieß es. Die Gesellschaft habe erklärt, keinem Arbeiter ohne Messgerät den Zutritt zu erlauben. Das Krisenmanagement des Atomkonzerns ist ins Kreuzfeuer der Kritik geraten, nachdem letzte Woche drei Arbeiter hoher Strahlung ausgesetzt waren.

Insgesamt sind etwa 500 Arbeiter von Tepco und Subunternehmen sowie Feuerwehrleute und Soldaten daran beteiligt, die Situation in dem Kraftwerk unter Kontrolle zu bekommen. Durch das Erdbeben und den Tsunami waren die Kühlsysteme ausgefallen, wodurch es zu Explosionen und Bränden in den überhitzten Reaktoren kam und radioaktive Strahlung austrat. Nach Angaben der Atomsicherheitsbehörde wurden bislang 21 Arbeiter einer Strahlung über 100 Millisievert ausgesetzt. Mehrere Arbeiter aus Fukushima mussten bereits wegen Verstrahlung ins Krankenhaus gebracht werden.

Drei Wochen nach der Erdbeben- und Tsunamikatastrophe begannen tausende japanische und US-Soldaten mit einer großen Suche nach zahlreichen noch nicht geborgenen Todesopfern begonnen. Die Umgebung des havarierten Atomkraftwerks Fukushima wurde wegen der Strahlengefahr von dem Einsatz ausgenommen. Wie die Nachrichtenagentur Kyodo berichtete, hatten die Behörden zunächst erwogen, auch die Todesopfer rund um Fukushima 1 zu bergen. Das Vorhaben sei aber wegen der starken postmortalen Verstrahlung der Opfer verschoben worden, erklärte die Polizei dem Bericht zufolge. Eine Dekontaminierung der Leichen vor Ort hätte ihre Identifizierung zusätzlich erschwert, von verstrahlten Leichen hätte jedoch im Fall ihrer Einäscherung eine Strahlenbelastung ausgehen können. In dem Gebiet werden laut Presseberichten noch etwa tausend Todesopfer vermutet. Durch das Erdbeben und den Tsunami sind nach Behördenangaben mehr als 11 500 Menschen ums Leben gekommen, mehr als 16 000 Menschen werden noch vermisst.

Der Atomkonzern Tepco bestätigte am Freitag frühere Messungen, nach denen im Grundwasser nahe Fukushima 10 000-fach erhöhte Werte von Jod-131 entdeckt wurden. Tepco hatte die Analyse auf Anordnung der Atomsicherheitsbehörde wiederholen müssen, da es Zweifel an der Richtigkeit der Ergebnisse gab. Am Donnerstag hatte man Fehler bei der Analyse bei den seltenen Elementen Tellurium, Molybdän und Zirkonium entdeckt. Tepco hatte bereits vorher fehlerhaft gemessen und steht wegen seiner Informationspolitik in der Kritik.

Die Regierung bereitete die Bevölkerung unterdessen auf die lang anhaltenden Folgen der Strahlenkatastrophe vor. Die Anwohner des havarierten Atomkraftwerks Fukushima werden möglicherweise nie wieder in ihre Häuser zurückkehren können. Die Evakuierung des Katastrophengebiets sei langfristig angelegt, sagte Regierungssprecher Yukio Edano am Freitag. Tepco werde für die Schäden zahlen müssen, betonte Ministerpräsident Naoto Kan. Eine Verstaatlichung des Konzerns strebe die Regierung zwar nicht an. Angesichts erwarteter Entschädigungsforderungen in Milliardenhöhe werde der Staat allerdings nicht um Finanzhilfen an das Unternehmen herumkommen.

„Wir können mit Sicherheit sagen, dass Tepco am Ende zur Zahlung von Entschädigungen verpflichtet sein wird“, sagte der Ministerpräsident. „Aber grundsätzlich würde ich gerne sehen, dass Tepco als privates Unternehmen hart weiterarbeitet.“ rtr/AFP/dpa

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