Politik : Zufriedene Sieger der Geschichte - DDR-Bürgerrechtler blicken lächelnd zurück

Robert Ide

Erich Mielke soll gezittert haben, als er seine Mitarbeiter im August 1989 fragte: "Genossen, bricht morgen der 17. Juni wieder aus?" Die Angst des Stasi-Chefs war angesichts der wachsenden Fluchtbewegung und einer immer frecher agierenden Opposition berechtigt. Kleine Initiativgruppen, bewaffnet mit handgeschriebenen Papieren und ein paar Kontaktadressen, brachten die DDR schließlich zum Einstürzen. Zehn Jahre nach dem friedlichen Umbruch kamen die Urheber der Revolution noch einmal in Berlin zusammen. Auf Einladung Joachim Gaucks erzählten prominente Bürgerrechtler am Donnerstagabend, wie sie die SED das Fürchten lehrten.

Zuerst einmal ging auch in der oppositionellen Szene die Angst um. Unsicher setzten die kleinen Gruppen im Spätsommer 1989 einen Fuß vor den anderen - hoffend, dass sie sich auf den Beinen halten und in keine Falle laufen. "Als gelernte DDR-Bürger mussten wir erst mal Demokratie üben", bekannte Bärbel Bohley, prominente Mitbegründerin des "Neues Forums". Aber die massenhafte Unterstützung aus dem Volk gab den Oppositionellen Kraft und Zusammenhalt. Stephan Hilsberg, der heute für die SPD im Bundestag sitzt, sprach von einem stillen Einverständnis mit den Demonstranten, sich "aufeinander zu verlassen". Sein CDU-Kollege Günter Nooke, Gründungsmitglied des "Demokratischen Aufbruch", formulierte als Erkenntis der damaligen Tage: "Der Preis der Freiheit sinkt, wenn die Nachfrage steigt."

Doch damit allein war es nicht getan. Nach der Leipziger Montagsdemonstration vom 9. Oktober 1989 war allen klar, dass man jetzt Inhalte anbieten müsse. Ein Forum für die politische Auseinandersetzung bot der Runde Tisch, der am 7. Dezember 1989 erstmals 14 Parteien und Bürgergruppen zu einem Dialog vereinte. Wolfgang Ullmann von "Demokratie Jetzt" erklärte seine Motivation zur Initiierung des Treffens: "Wir wollten kein Gespräch mit der SED, sondern die Organisation freier Wahlen." Dass er dann plötzlich in einer von Hans Modrow geführten "Regierung der nationalen Verantwortung" saß, empfand Ullmann als eine "etwas absurde Geschichte". Immerhin sei es aber auf diese Weise gelungen, die Staatssicherheit aufzulösen und einen Verfassungsentwurf zu entwickeln. Der werde zwar in Deutschland nicht gelesen, aber sei inzwischen ins Japanische übersetzt worden.

Auf die Tücken der Übergangsregierung kam Sebastian Pflugbeil zu sprechen, der ebenfalls "Minister ohne Geschäftsbereich" war. Er räumte ein, dass die Opposition zu sehr mit dem Regieren beschäftigt gewesen sei, um Geldverschiebungen und Grundstückstransfers der alten Genossen aufzudecken. Trotz solcher Wermutstropfen blicken die Bürgerrechtler heute zufrieden auf den Umbruch zurück. Bärbel Bohley verzeichnete auf der Habenseite, dass der Ruf "Keine Gewalt" von den Oppositionsgruppen in die Gesellschaft getragen wurde. Sie sei stolz auf die friedliche Vereinigung. Auch Ullmann bekannte, dass er den Weg in die deutsche Einheit nicht aufhalten wollte. Das wäre ziemlich sinnlos gewesen, denn nach der Maueröffnung "löste sich die DDR auf wie ein Stück Zucker im Tee".

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