Politik : Zugang für Helfer in Darfur ist schwieriger geworden

Arabische Liga fürchtet Destabilisierung durch geplanten Haftbefehl gegen Sudans Präsidenten / Hilfsorganisationen wollen bleiben

Ingrid Müller

Berlin - Die Arabische Liga hat vor einer Destabilisierung der Lage in der Krisenregion Darfur durch die Beantragung eines Haftbefehls gegen Sudans Präsidenten Omar al Baschir gewarnt. Der Generalsekretär der Liga, Amr Mussa, kündigte nach sieben Stunden Dringlichkeitssitzung am Samstag in Kairo einen Aktionsplan an.

Luis Moreno-Ocampo, Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofes, hatte vergangenen Montag Haftbefehl gegen Baschir beantragt – wegen Völkermordes an der schwarzafrikanischen Bevölkerung in Darfur. Nun befürchtet man, dass sich Baschir gegen alle Ausländer wendet. Die Folgen für die 4,3 Millionen Menschen in Darfur, die nach Schätzungen des Welternährungsprogrammes (WFP) Hilfe brauchen, wären fatal. Zu ihnen ist der Zugang bereits erschwert. Mancher Beobachter ist überzeugt, dass der Überfall auf die Patrouille der Friedensmission von UN und Afrikanischer Union, Unamid, Anfang Juli mit sieben toten afrikanischen Blauhelmen ein von Baschir geduldeter, wenn nicht gar initiierter Warnschuss war.

Die UN versuchen, in Darfur eine 26 000 Mann starke Truppe zu installieren. Doch bevor die Truppe vor einer Woche die Sicherheitsstufe hochsetzte, waren nach Unamid-Angaben erst 7860 Soldaten, 1821 Polizisten und 772 Zivilisten im Einsatz. Seit Jahresbeginn starben nach Unamid-Angaben acht Peacekeeper, 83 Lastwagen des WFP wurden entführt, zwei Fahrer getötet, 41 Fahrer werden vermisst. 28 Fahrzeuge sollen wieder aufgetaucht sein, der Verbleib von 55 Trucks ist ungeklärt.

Laut Unamid-Sprecherin Josephine Guerrero wurden am vergangenen Dienstag 200 Mitarbeiter in Nachbarländer, nach Entebbe und Addis Abbeba, und innerhalb Sudans und Darfurs verlegt. Mancher kehrt nach dem Urlaub nicht an seinen Einsatzort zurück. „Das kommt auf die Rolle an, die die Person hat“, sagt Guerrero. Bei der UN-Mission Unmis in Khartum sollte „nichtwesentliches Personal“ Anfang der Woche nicht mehr ins Büro kommen. Meist seien das Einheimische, so Unmis-Sprecher Brian Kelly. Ansonsten sagt er: „Wir funktionieren.“

Hilfsorganisationen in Darfur beobachten die Lage genau. „Der Abzug lässt uns nicht kalt“, sagt der Sprecher des Roten Kreuzes, Frederik Barkenhammar. Jedoch sei die Lage durch den Abzug der UN-Mitarbeiter „nicht unsicherer“ geworden. An eine Evakuierung denke man derzeit nicht. Für das Rote Kreuz arbeiten acht internationale Mitarbeiter, darunter vier Deutsche, sowie gut 100 Sudanesen in Darfur. Gegen sie gebe es keine Drohungen, sagt Barkenhammar. Jedoch sei das Gebiet wegen Banditen „sehr, sehr gefährlich“ Niemand wisse, „wer ist Konfliktpartei, wer will gestohlene Autos verkaufen, wer sich bereichern oder sie für einen militärischen Zweck verwenden“. Das Rote Kreuz versorgt 375 000 Menschen mit medizinischer Hilfe, Wasser und Hygiene.

Die Mitarbeiter der deutschen Welthungerhilfe, seit Jahren im Sudan tätig, sind beunruhigt. „Wir machen uns Sorgen“, sagt der zuständige Programmmanager Jörg Heinrich. Man habe aber nicht vor, Personal abzuziehen. 550 000 Menschen, die zur Hälfte in von Rebellen und vor der Regierung kontrolliertem Gebiet lebten, „hätten niemanden mehr, wenn wir nicht da wären“. Heinrich lobt die „relativ guten Arbeitsbeziehungen“ zu Sudans Regierung. In Darfur arbeiten für die Welthungerhilfe vier deutsche und 358 einheimische Mitarbeiter.

Das WFP kommentiert die Auswirkungen von Ocampos Antrag nicht. Doch Mitarbeiter spüren die steigende Unsicherheit in Darfur. Seit Anfang des Jahres haben die Überfälle zugenommen, die Nahrungsmitteltransporte werden weniger. Statt der empfohlenen 2100 Kalorien am Tag gibt es nur noch 1200 pro Person. Insgesamt hat das WFP 950 Mitarbeiter im Sudan, zehn Prozent aus dem Ausland, darunter einige Deutsche.

Politische Beobachter werten es als gutes Zeichen, dass die Regierung Baschir abwarte und die Lage prüfe. „Die haben das nicht erwartet“, meint ein Beobachter mit Blick auf Ocampos Antrag.

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