Zugausfälle bei der Deutschen Bahn : „Die Regierung kümmert sich nicht“

Der deutschen Bahn fehlt bundesweit Personal in den Stellwerken. Michael Ziesak, Bundesvorsitzender des Verkehrsclub Deutschland über Profite und Politik.

von
Foto: promo

Herr Ziesak, sind die Ereignisse eine Spätfolge des Börsenkurses unter dem ehemaligen Chef Hartmut Mehrdorn?

Mehdorn war zwar ein Kommunikationsterrorist, und er steht für den fehlgeschlagenen Versuch der Teil-Privatisierung. Man darf ihm aber nicht die Schuld für alles Schlechte bei der Bahn in die Schuhe schieben. Seit 2009 steht Rüdiger Grube an der Spitze des Unternehmens, er hat es versäumt, den Personalmangel an den entscheidenden Stellen anzugehen. Dabei war der Mangel etwa in den Stellwerken seit Jahren bekannt.

Welche Rolle spielt die Politik?

Die Regierung kümmert sich nicht – sie steckt ein paar Milliarden in die Infrastruktur und verweist ansonsten darauf, dass die Bahn eine eigenständige Aktiengesellschaft ist. Damit macht sie es sich zu einfach. Die Bahn ist auch ein Unternehmen im alleinigen Eigentum des Staates, er ist also mit verantwortlich.

Wollen Sie die Bahn wieder zu einer Bundesbehörde machen?

Nein. Eine Behördenbahn ist nicht das größte Glück der Erde. Der Teil des Konzerns aber, der für das Gemeinwohl bedeutsam ist, darf nicht auf Gewinn getrimmt sein. Deshalb muss man Schienennetz und Betrieb strikt trennen. Mainz zeigt doch, dass die Bahn einerseits Milliardengewinne aus der Infrastruktur zieht und andererseits nicht einmal ihrer Betriebspflicht gerecht wird. Eine Infrastruktur wie das Schienennetz ist so wichtig, dass man genügend Reserven vorhalten muss, man darf es mit der Sparsamkeit nicht übertreiben. Und man kann sie nicht mit einem Gewinnziel betreiben – denn dann könnte man sich auch die Milliarden-Zuschüsse sparen, die jedes Jahr ins Netz fließen.

Muss die Bahn mehr Geld für elektronische Stellwerke ausgeben, mit denen ein Fahrdienstleiter viel größere Gebiete überwachen kann?

Das ist kein Allheilmittel, im Gegenteil. Durch den Abriss mechanischer und den Bau elektronischer Stellwerke ist die Infrastruktur oft nicht besser geworden, weil zugleich Überholgleise und Ausweichstrecken abgekoppelt und stillgelegt wurden. Das führt zu Verspätungen.

Was kann die Bahn nun kurzfristig tun, um die Lage zu verbessern?

Sie muss jeden verfügbaren Stellwerker einsetzen und auch durch Umschulungen schnellstens dafür sorgen, dass ihre Personalreserve wächst. Und sie sollte die Leute so schulen, dass sie auch in benachbarten Stellwerken eingesetzt werden können.

» Gratis: Tagesspiegel + E-Magazin "Wahl 2017"

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben