Zukunft des Dieselmotors : Abfuhr auf Raten

Die manipulierten Autos bei Volkswagen und das geplante Stuttgarter Fahrverbot zeigen: In kleinen und mittelgroßen Autos hat der Dieselmotor keine Zukunft mehr. Ein Kommentar.

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In Wolfsburg ist eine Straße nach Rudolf Diesel benannt. Doch eine Zukunft hat der von ihm erfundene Dieselmotor nicht mehr.
In Wolfsburg ist eine Straße nach Rudolf Diesel benannt. Doch eine Zukunft hat der von ihm erfundene Dieselmotor nicht mehr.Foto: dpa

Der runde Geburtstag wird eine Frustveranstaltung. Vor 125 Jahren meldete Rudolf Diesel in Berlin die neue Motortechnik zum Patent an. Eine großartige Entwicklungsgeschichte folgte, ohne die Wirtschaft und Gesellschaft heute ein anderes Gesicht hätten. Und ohne die es weniger Atemwegserkrankungen gäbe. Der Diesel ist ins Gerede geraten. Und es sind nicht nur die Umweltbewussten, die diese Antriebstechnik für einen Dinosaurier halten. Aus verschiedenen Gründen sieht der Selbstzünder ziemlich alt aus. In Stuttgart, wo Mercedes die modernsten Motoren der Welt baut, können sich Autofahrer schon mal überlegen, wie sie sich nächstes Jahr bei bestimmen Wetterlagen fortbewegen wollen. Mit ihrem Diesel, sofern der älter als zweieinhalb Jahre ist, kommen sie nicht mehr in die Stadt.

Die manipulierten Autos bei Volkswagen haben das Problem des Diesels schlaglichtartig einer breiten Öffentlichkeit und damit potenziellen Käufern deutlich gemacht: Er verbraucht weniger Kraftstoff als der Benziner, ist effizienter und weniger klimaschädlich. Doch der Ausstoß der Stickoxide ist so hoch, dass ohne die Manipulation bei der Abgasreinigung die strengen Grenzwerte in den USA nicht einzuhalten waren. Die Betrüger von Volkswagen haben der Technologie einen weiteren bösen Wirkungstreffer verpasst – aber keinen Todesstoß.

Die Europäer gewichten den Klimaschutz höher als die Amerikaner und haben deshalb von 2020 an ambitionierte Kohlendioxid-Grenzwerte für Autos. Damit die deutschen Hersteller diese Grenzwerte für ihre Flotten schaffen, brauchen sie den Diesel. Zumindest kurzfristig. Im nächsten Jahrzehnt jedoch wird sich viel verändern. Das Auto verändert sich, das Nutzerverhalten, der Verkehr. Aber es wird auch 2030 noch Autos mit Verbrennungsmotoren geben. Und ein paar Diesel gehören auch dazu.

Der Dieselmotor hat in kleinen und mittelgroßen Autos keine Zukunft

Der Dieselmotor hat Zukunft in Oberklasseautos, bei denen eine teure Abgasreinigung keine Rolle spielt. Kleine und mittelgroße Autos dagegen verkaufen sich über den Preis und werden nicht mehr mit Diesel fahren. Heute schon werden BMW, Mercedes und Audi zumeist mit Diesel angetrieben. Und die großen und starken Geländewagen, die zunehmend auch in Deutschland gekauft werden, sowieso. Zum Verdruss der Klimafreundelobby. Die wird sich indes damit abfinden müssen, dass trotz Carsharing und der Freude am Fahrradfahren das Auto für viele Menschen unverzichtbar bleibt – und attraktiv dazu. Gerne auch mit einem elektrischen Antrieb. Doch schon allein aufgrund des Rohstoffbedarfs für die Batterie und der nicht vorhandenen Ladeinfrastruktur werden noch viele Jahre vergehen, bis der Verkehr vollelektrisch fährt. So lange sind auch noch einige Millionen Dieselfahrer unterwegs. Wenn sie denn dürfen.

Seit vielen Jahren ist die schmutzige Luft bei bestimmten Wetterlagen in den rund 80 größten deutschen Städten ein Thema. Die EU hat deswegen inzwischen ein Vertragsverletzungsverfahren gegen die Bundesrepublik in Gang gesetzt. Doch erst die Deutsche Umwelthilfe hat mit ihren Klagen gegen Städte und Kommunen den Verantwortlichen Beine gemacht; ohne das Verfahren in Stuttgart gäbe es nicht das jetzt geplante Fahrverbot für Diesel.

Das ist bitter für die betroffenen Autofahrer, die sich im Vertrauen auf Gesetz und Ordnung vor Jahren ein Auto gekauft haben, das sie womöglich demnächst an bestimmten Tagen nicht nutzen dürfen. Hier wirkt das enge und auf Nichtstun und Zeitgewinn ausgerichtete Zusammenspiel von Politik und Autoindustrie verheerend zulasten des Verbrauchers. Die Autohersteller wollen so lange wie möglich auch schmutzige Autos verkaufen dürfen, und die Politik hat sich die Nase zugehalten. Nach dem Motto: Arbeitsplätze statt sauberer Luft. Am Ende leiden aller unter dem entstandenen Vertrauensschaden – Politik, Industrie und der Diesel. Viele runde Geburtstage hat er also nicht mehr vor sich.

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