Zum 100. Geburtstag von Willy Brandt : Deutscher Weltbürger, nationaler Kosmopolit

Der ehemalige Bundeskanzler und Friedensnobelpreisträger Willy Brandt hatte ein Credo: Das eigene Land stets mit den Augen der Fremden sehen – und immer aufgeschlossen sein für andere Standpunkte.

Werner A. Perger
Endlich am Ziel. „Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört.“ Willy Brandt am 10. November 1989 vor der Mauer am Brandenburger Tor.
Endlich am Ziel. „Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört.“ Willy Brandt am 10. November 1989 vor der Mauer am Brandenburger...Foto: William P. Mikkelsen

Vor kurzem überraschte die FAZ ihre Leserschaft mit der Schlagzeile: „Mehr Willy Brandt wagen.“ In dieser Eindeutigkeit ist das für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ eher ungewöhnlich. Aber natürlich diente die Beschwörung des Brandt-Vermächtnisses nicht als parteipolitischer Aufruf. Es handelte sich vielmehr um die Zusammenfassung eines Dialogs zwischen dem Soziologen und Autor Ulrich Beck und dem Sozialdemokraten und EU-Parlamentspräsidenten Martin Schulz.

Das Gespräch – moderiert vom Herausgeber Frank Schirrmacher – füllte am 23. Mai die Aufschlagseite des Feuilletons und handelte von aktuellen Besorgnissen: der europäischen Krise, der beklemmenden Ratlosigkeit der Regierungen, der wachsenden öffentlichen Euro-Skepsis und insgesamt der Selbstblockade der Europäischen Union. Für das relativ düstere Panorama formulierte Ulrich Beck den Befund: „Wir erleben die Sterblichkeit Europas.“

Gewiss würde nicht jeder die Lage so drastisch als Existenz zwischen Leben und Tod beschreiben. Aber angesichts der Gefahr, dass aus der Finanz- demnächst eine Demokratiekrise Europas werden könnte, tendieren in der kontinentalen politischen Klasse doch viele zu der Interpretation, dahinter stecke auch ein Führungsproblem. Es fehlten Verantwortungsträger, die zu mehr in der Lage sind, als an den nationalen Vorteil zu denken und anderen Regierungen – oder der EU als Institution – die Schuld am Schlamassel zu geben. Wege aus der Gefahr aber wisse von den aktuellen Wortführern der europäischen Debatte keiner – auch nicht die mutmaßliche Wortführerin in Berlin.

Insofern kommt es nicht von ungefähr, dass Ulrich Beck in dem Gespräch nach einem „europäischen Willy Brandt“ suchte. Gebraucht werde ein politischer Gestalter mit „visionärer Kraft“ und dem Sinn für das Mögliche. Einer – oder eine – mit dem Mut, neue Wege zu gehen, und mit der Fähigkeit, andere dafür zu begeistern, mit hohem politischen Prestige und persönlicher Autorität daheim und in der Welt. Jemand, der in der Lage ist, einen komplizierten Knoten mit geduldiger Beharrlichkeit zu lösen oder, um ein anderes Bild zu wählen, der es versteht, auch auf Umwegen zum Ziel zu gelangen. Diese Stellenausschreibung wirkt daher wie zugeschnitten auf Willy Brandt, den ersten sozialdemokratischen Nachkriegskanzler und Friedensnobelpreisträger 1971, den Mann, dessen lebenslange Beschäftigung mit dem Lösen komplexer Problemknoten schließlich mit der deutschen Vereinigung und dem Zerfall des Sowjetblocks gekrönt worden ist. Übrigens: ein historischer Durchbruch unter friedlichen Vorzeichen – wem sonst noch ist das je gelungen?

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