Politik : Zum ersten Mal seit 37 Jahren besucht ein griechischer Außenminister die Türkei

Susanne Güsten

"Mein lieber Freund Ismail" war eine Formel, die dem griechischen Außenminister George Papandreou am Donnerstag in Ankara häufig über die Lippen kam. Zusammen mit Ismail Cem, dem türkischen Außenminister, feierte Papandreou die erfolgreiche Politik der kleinen Schritte zwischen Ankara und Athen: Ein rundes halbes Jahr nach Beginn der bilateralen Verhandlungen zwischen den verfeindeten Nachbarn und Nato-Partnern sind die türkisch-griechischen Beziehungen so gut wie noch nie in den vergangenen Jahrzehnten. Papandreou ist der erste griechische Außenminister seit 1962, der Ankara einen offiziellen Besuch abstattet - und zusammen mit Cem sprach er vom guten Willen beider Seiten, auch die wirklichen Knackpunkte wie das Zypern-Problem anzugehen. Als weiteres Zeichen der Annäherung lud der türkische Ministerpräsident Bülent Ecevit seinen griechischen Amtskollegen Kostas Simitis in die Türkei ein.

Papandreou war am Mittwoch zu seinem viertägigen Besuch in der türkischen Hauptstadt eingetroffen, der in Ankara als historisch eingestuft wird. Am Donnerstag sprach er unter anderem auch mit Ecevit, dem seit Jahrzehnten ein besonders schwieriges Verhältnis zu Griechenland nachgesagt wird: Er hatte 1974 als Regierungschef den türkischen Truppeneinmarsch auf der von Griechen und Türken bewohnten Mittelmeerinsel Zypern befehligt. Doch Ecevit hielt für den Gast aus Athen einen Olivenzweig in Form der Einladung an Simitis bereit - nimmt dieser die Einladung an, wäre er der erste Athener Premier seit 1959, der zu einem offiziellen Besuch nach Ankara kommt.

Cem und Papandreou unterzeichneten mehrere Verträge, die in den bilateralen Gesprächen seit dem vergangenen Jahr ausgehandelt worden waren. Dabei geht es unter anderem um die Bekämpfung der internationalen Kriminalität und die Zusammenarbeit im Fremdenverkehr. Die beiden Außenminister gaben bei einer gemeinsamen Pressekonferenz eine ganze Reihe gemeinsamer Projekte bekannt, die das neu gewonnene Vertrauen zwischen Ankara und Athen festigen sollen und die nicht alle mit hoher Politik zu tun haben. So wird die Eröffnung weiterer diplomatischer Vertretungen im jeweiligen Nachbarland ins Auge gefasst. Beide Länder wollen sich zudem um die Ausrichtung der Fußball-Europameisterschaft im Jahr 2008 bewerben.

Solche Gesten sollen helfen, die türkisch-griechische Annäherung auch auf der praktischen Ebene voranzutreiben, wo sie begann. Denn es waren nicht die Politiker, sondern die einfachen Bürger beider Länder, die diese Annäherung mit ihrer gegenseitigen Hilfe nach den Erdbeben im vergangenen Jahr in Schwung brachten. Außenminister Ismail Cem: "Vor sechs Monaten hätte niemand geglaubt, dass wir so weit kommen, wie wir heute sind."

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