Politik : „Zum Schaden von Menschen agiert“

Der Schriftsteller Lutz Rathenow schaute in Leipziger Stasi-Akten – und erhebt Vorwürfe gegen PDS-Mann Peter Porsch

Matthias Schlegel

Berlin - Nach Einsicht in ihn betreffende Stasi-Akten hat der Berliner Schriftsteller Lutz Rathenow neue Vorwürfe gegen den Leipziger Germanistikprofessor und PDS-Fraktionsvoristzenden Peter Porsch erhoben. Nach Erkenntnissen der Stasi-Unterlagenbehörde wurde Porsch seit 1970 als „IM Christoph“ bei der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) geführt. Der heute 59-jährige gebürtige Wiener, der 1973 aus West-Berlin in die DDR übergesiedelt war, bestreitet, dass er je mit Vertretern des Ministeriums für Staatssicherheit wissentlich Kontakt gehabt habe. Sein Anwalt Peter-Michael Diestel geht „zu fast 100 Prozent“ davon aus, dass Porsch „abgeschöpft“ worden sei. Der PDS-Politiker ist Spitzenkandidat seiner Partei für die sächsische Landtagswahl am 19. September.

Hintergrund sind Berichte über eine Lesung der Schriftstellerin Christa Moog am 10. März 1984 in der Wohnung von Porschs damaliger Lebensgefährtin und heutigen Ehefrau. Akten der Außenstelle Leipzig der Stasi-Unterlagenbehörde belegen, dass für die Ausspähung dieser Veranstaltung, an der auch Westjournalisten teilnahmen, „IM Christoph“ von der Berliner HVA ausgeliehen wurde.

Christa Moog, die mit Porschs Lebensgefährtin befreundet war, kann sich heute noch gut an die Lesung erinnern. Die damals 32-jährige Eisenacherin hatte in ihrem Buch „Die Fans von Union“ ganz ungeschminkt den DDR-Alltag abgebildet. Zu den Teilnehmern gehörte auch Rathenow. In der von der Stasi verfassten „Sofortinformation zum Treff mit dem zeitweilig genutzten IM der HVA XII“ vom 11. März 1984, einen Tag nach der Lesung, heißt es, Rathenow habe zur beabsichtigten Ausreise der Schriftstellerin bemerkt, „dass es aber auch gut ist, wenn solche Leute drüben sind und die dann die Möglichkeit haben, offen über die Verhältnisse in der DDR zu schreiben“. Weiter heißt es: „Dem IM wurde bekannt, dass sich die (geschwärzt), der Rathenow und der Journalist (geschwärzt) für den 11.3.1984, 15.00 Uhr am Buchmessehaus verabredet haben.“ Eine „Information des zeitweilig genutzten IM der HVA XII“, die der Stasi-Oberleutnant einen Tag später aufschreibt, wird präziser: „Die genannten Personen besuchten zuerst die Mocca-Bar an der KMU. Danach begaben sie sich zur Gaststätte Kaffeebaum, wo sie den Abend verbrachten.“ Und weiter zur Rolle des IM: „Mit dem IM wurden nochmals die Teilnehmer der Lesung konkretisiert.... Der IM wirkt als Gastdozent für Germanistik in Polen. Dort führte er Sommerkurse durch. Der IM hat die Möglichkeit, den Rathenow in seine Delegation zu integrieren. Den endgültigen Beschluss darüber fasst die zentrale Parteileitung, die sich aber an der Vorgabe des IM orientiert.“

Porsch hatte in jener Zeit gelegentlich Gastvorlesungen in Polen gehalten. Rathenow arbeitete als freier Autor unter anderem für das Leipziger Studententheater. Aus der Reise wurde für Rathenow nichts. Offensichtlich war er doch ein zu großer politischer Unsicherheitsfaktor.

Der Schriftsteller kann sich nicht vorstellen, dass derartig präzise Informationen durch „Abschöpfen“ zustande gekommen sein sollen. Er sieht dahinter „eine gewisse Ausforschungsintensität“. Selbst wenn Porsch nicht wissentlich mit der Stasi kooperiert haben sollte, sei er „Teil einer politischen Zensurbehörde“ gewesen und habe „zum Schaden von Menschen agiert“, sagt Rathenow.

Später schien der IM das Interesse an Rathenow zu verlieren. In einer „Tonbandabschrift“ der Abteilung XX der Stasi-Bezirksverwaltung Leipzig vom 26. September 1984 heißt es: „Zu Lutz Rathenow gab es nur das eine Mal eine Verbindung während der Lesung (…) in unserer Wohnung.“ Ohnehin war Rathenow nur ein Nebenstrang bei dem IM-Einsatz gewesen. Das Hauptaugenmerk der Stasi galt Porschs damaliger Lebensgefährtin. Für sie, die nach Stasi-Erkenntnissen „feindlich-negative Personen unterstützt“, war die OPK (Operative Personenkontrolle) „Organisator“ angelegt worden. Durch den „Einsatz eines IM der HVA im Wohn- und Freizeitbereich“ sollte sie zur „Erarbeitung des Persönlichkeitsbildes“ ausgespäht werden, wie es in dem MfS-„Maßnahmeplan“ heißt.

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