Zum Tod von Günter Schabowski : „Wir wollten uns mit dem Westen arrangieren“

Der frühere SED-Funktionär Günter Schabowski ist tot. Mit dem Tagesspiegel hatte er 2009 über den 9. November 1989 und seine Rolle bei der berühmten Pressekonferenz gesprochen. Hier das Interview nochmal zum Nachlesen.

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Günter Schabowski,Foto: ddp

Herr Schabowski, wie geht es Ihnen?

Ich bin achtzig Jahre alt. Im letzten halben Jahr bin ich durch viele Krankenstationen gewandert. Gemessen daran, geht es mir schon wieder einigermaßen gut.

Was für ein Tag ist der 9. November 1989 für Sie?
Der 9. November 1989 ist für mich ein Tag, auf den ich mit Genugtuung und auch mit einem gewissen Stolz zurückschaue. Immerhin hilft er mir heute, die Zeit zu überstehen, wenn man so will. Es gibt Menschen, die durchaus die Rolle von mir auf dieser Pressekonferenz als Versuch respektieren, die Spaltung zwischen Ost und West zu überwinden. Darüber freue ich mich. Die Linkspartei ist der Meinung, dieser Schabowski ist ein Verräter und Schweinehund. Aber es gibt auch hinreichend viele Menschen, die zu mir sagen: Schabowski, ich drücke Ihnen die Hand, ich bin beeindruckt davon, dass Sie sich zu diesem Zeitpunkt aufgerafft haben, diesen Schritt zu vollziehen. Und das, obwohl alles darauf Folgende für manchen durchaus negative Auswirkungen hatte. Aber es ist ein Stück Anerkennung für mich, die mir gut tut.

Im Vorfeld des 9. November hatte die SED ja noch einmal versucht, das Ruder kräftig herumzureißen, indem der Mann an der Spitze von Partei und Staat, Erich Honecker, gestürzt wurde ...
Honecker wurde am 17. Oktober 1989 abgesetzt. Das war der entscheidende Punkt des Wandels in der Führung der SED. Und es war der Beginn dessen, was sich später als Katastrophe für die SED herausstellte, weil es nämlich ihren Einbruch und den Untergang der DDR einleitete.

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12.12.2014 10:49Hinterm Horizont geht's weiter: Der feierliche Moment an der East Side Gallery.

Weil Krenz nicht die Lösung war, die man dem Volk anbieten konnte ...
Krenz war auch in der Runde des Politbüros nicht beliebt. Er war in seinem Verhältnis zu Honecker ein eher devoter Typ.

Aber waren das nicht alle in der SED-Führung?
Es gab schon Unterschiede. Es gab Leute, von denen man meinte, sie wären in der Lage, die DDR fortzusetzen, und von anderen wusste man, dass sie dazu nicht fähig waren. Aber auf Krenz einigte man sich in der Parteiführung relativ schnell – nicht etwa, weil er als besonders schlau oder standhaft gegolten hätte. Vielmehr war er ein Kompromisskandidat, von dem man dachte, dass man ihn am ehesten wieder loswerden würde. Denn er hatte keine Fürsprecher im Politbüro. Dort saßen ja auch alte Knacker und Dummköpfe, mit denen man ohnehin keine Politik machen konnte. Von Krenz dachten wir, wir würden ihn am schnellsten absetzen können, wenn sich herausstellten sollte, dass wir eine andere Führung brauchten.

Krenz konnte die SED also nicht retten. Wichtiger war eine neue, von der Bevölkerung akzeptierte Reiseregelung. Den Entwurf gaben Sie auf der historischen Pressekonferenz bekannt. Wann wurde Ihnen die ganze Tragweite dieses Augenblicks bewusst?
Die ist mir erst deutlich später bewusst geworden, wann genau, kann ich nicht mehr sagen. Mir war natürlich damals klar, dass das ein relativ einschneidender Schritt war. Es ging um die Reiseregelung, die die Konfrontation zwischen Ost und West beendete. Und wir waren uns im Klaren, dass daraus eine Entwicklung wird, bei der wir uns mit dem Westen arrangieren müssen. Allerdings noch unter den Bedingungen einer deutschen Teilung mit einer souveränen DDR. Auch Gorbatschow war der Auffassung, dass es nötig sei, sich mit dem Westen zu arrangieren, und auch er stellte sich nicht die Frage: Wo bleibt dabei der Sozialismus? Mir war in dem Augenblick damals nicht bewusst, dass das den Punkt markierte, an dem sich die Teilung der Welt aufzulösen begann.

... und auch nicht, dass damit der Weg zur deutschen Einheit eingeschlagen wurde?
Mir war klar, dass wir uns in dem Augenblick, in dem die Bürger der DDR in die Bundesrepublik reisen konnten, mit der Bundesrepublik versöhnen würden. Ich habe mir damals noch etwas darauf eingebildet, dass ich das den Menschen mitteilen konnte: Also, liebe Bürger, solche Schweinehunde sind wir gar nicht, plötzlich werden wir normal, und ihr dürft alle reisen.

Das heißt, die SED wollte sich damit in erster Linie mit dem DDR-Volk versöhnen?
Völlig richtig. Die SED und die Bonzen waren in extremster Weise in Konfrontation mit der Bevölkerung der DDR. Denn in dieser Phase spitzte sich das Bedürfnis der Menschen zu, endlich in den Westen reisen zu können. Aber es gab eben von uns auch das enorme Bedürfnis, endlich mit diesem anderen Staat umgehen zu können.

Egon Krenz sagt, er habe Ihnen vor der Pressekonferenz mitgeteilt, dass es für die Meldung zur neuen Reiseregelung eine Sperrfrist gibt. Hat er oder hat er nicht?
Die Beratungen im Politbüro an diesem Tag führten zu dem Papier, aus dem ich dann auf der Pressekonferenz zitiert habe. Krenz hat es mir vor der Pressekonferenz gegeben – ohne ein Wort von einer Sperrfrist, nichts dergleichen. Im Nachhinein hat er versucht, sich vor den Gremien damit zu rechtfertigen, dass er mir das Papier übergeben hätte und dabei sei eine Sperrfrist gewesen. Natürlich wäre eine Sperrfrist angemessen gewesen, wenn wir drei, Siegfried Lorenz, der Parteichef aus Karl-Marx-Stadt, Krenz und ich, uns darauf geeinigt hätten. Ich war der Wortführer nach außen. Und als mir die Frage gestellt wurde, ab wann das gilt, sagte ich: Das gilt meines Erachtens ab sofort, unverzüglich.

... weil Sie es in diesem Moment nicht besser wussten.
Ja, weil ich es nicht besser wusste. Und weil die Führung darauf eingestellt war, die Reisen zu genehmigen. Selbst wenn sie es am nächsten Tag getan hätte, hätte das nichts geändert. Denn das war die Veränderung des Systems. Und es hat mich so verflucht geärgert, dass Krenz dann herumzeterte, er hätte das nicht gemacht.

Waren Sie überrascht, dass das an diesem Abend einen solchen Massenansturm an der Grenze auslöste?
Ich war eher überrascht davon, dass sich das alles so relativ vernünftig entwickelte. Das war ja noch alles verbunden mit der Vorstellung, die DDR bleibe erhalten, Kapitalismus und Sozialismus würden sich vertragen, es gibt eine Möglichkeit des Arrangements zwischen beiden Systemen.

Hatten Sie die Sorge, dass die Russen eingreifen könnten, oder hatten Sie Signale aus Moskau, dass sie diese Entwicklung akzeptieren?
Sie wussten, dass wir ein neues Reisegesetz verabschieden würden. Gorbatschow selbst hatte uns ja veranlasst, zu solchen Kompromissen zu kommen. Honecker war dazu viel zu stur gewesen. Gorbatschow hat uns gewissermaßen den Weg dorthin gewiesen. Allerdings betraf das zum damaligen Zeitpunkt noch nicht die deutsche Einheit. Es war nicht die sowjetische Vorstellung, dass wir uns sofort vereinen und einen neuen Faktor in Europa, nämlich ein geeintes Deutschland, schaffen würden. Da gab es eher Hindernisse und Vorbehalte von sowjetischer Seite.

Was ist in den vergangenen zwanzig Jahren falsch gelaufen im Ost-West-Verhältnis und -Verständnis?
Mit diesem Aspekt befasse ich mich nicht. Die Bundesrepublik hat sich so entwickelt, wie sie sich entwickeln musste – ohne bestimmten Vorsatz. Wenn man schon wieder mit einer programmatischen Vorstellung kommt, gerät man sofort wieder in eine solche Entartungssituation. Es geht nicht darum, was richtig und was falsch gemacht wurde. Woran will man das messen? Eine Gesellschaft entwickelt sich von selbst, und sie macht dabei Fortschritte und Fehler, das ist das Leben einer Gesellschaft. Wenn man ihr Vorschriften machen wollte, wie sie zu existieren hat, würde das früher oder später zum Scheitern führen.

Weil das immer mit Repression und Unfreiheit verbunden ist?
Mit Repression, mit Einschränkung. Ich sage es noch einmal: Es gibt keine ideale Gesellschaft. Es gibt nur eine mit mehr oder weniger Einwänden. Die Konsequenz ist: Jeder Versuch, eine sozialistische Gesellschaft, eine Gesellschaft nach einer Rezeptur zu bilden, ist zum Scheitern verurteilt.

Trägt deshalb Ihr kürzlich erschienenes Buch den Titel „Wir haben fast alles falsch gemacht“?
Ehrlich gesagt, ich halte den Titel, den der Verlag gewählt hat, für falsch. Das hört sich so an, als hätten wir einiges richtig gemacht. Ich bin aber grundsätzlich anderer Auffassung.

Nämlich?
Ich bin der Meinung, dass wir alles falsch gemacht haben. Weil der Versuch, ein sozialistisches Gesellschaftskonstrukt zu schaffen, von vornherein zum Scheitern verurteilt ist. Der Mensch ist nicht in der Lage, seine Egoismen auszuschalten, und deshalb ist Sozialismus immer ein falscher Versuch.

Es gab also auch für die DDR keine Rettung, keinen Zeitpunkt für Reformen, den man schlicht verpasst hat?
Nein, das ganze Experiment war zum Scheitern verurteilt. Zu glauben, dass zu einem bestimmten Zeitpunkt die Gesellschaft ideal zu formen sei, ist eine Illusion.

Eine Illusion deshalb, weil die Menschen gar nicht mitgehen?
Genau. Es gibt natürlich einzelne Menschen, die Idealvorstellungen haben, aber sie sind nicht imstande, auch eine Idealgesellschaft zu formen.

Es war aber eine Illusion, die relativ viele Menschen damals geteilt haben.
Nicht nur damals, auch heute teilen sie noch einige. Von den 2,3 Millionen Parteimitgliedern, die die SED zu DDR-Zeiten hatte, sind 50 000 letztlich übrig geblieben. Der allergrößte Teil hat also relativ schnell begriffen, dass es nicht besser wird mit dem Sozialismus. Und die, die jetzt in der Linkspartei vereint sind, haben noch keine Konsequenzen aus dem gescheiterten Sozialismus-Experiment gezogen, gar keine.

Aber die Linkspartei hat Zulauf.
Das stimmt und auch das ist ein Ausdruck für die Unvollkommenheit der Menschheit. Schließlich wird diese Partei ja sogar von denen gewählt, die eigentlich überzeugt sein müssten, dass deren Vorstellungen keinen Zweck haben.

Das heißt, Sie gestehen der Linken ihren Platz in der Opposition zu, aber nicht in der Regierung?
Ich gestehe ihr ihren Platz in der Gesellschaft zu. Ich kann sie mir sogar in einer Regierung vorstellen. Aber sie wird es niemals schaffen, eine ideale Gesellschaft zu formen. Außerdem muss man auch mal, bei allem Aufstieg der Linken, realistisch bleiben. Die Mehrheit der Gesellschaft pfeift auf die Vorstellungen der Linken. So viel sind 20 Prozent Wählerstimmen nämlich auch wieder nicht. Außerdem hat sich ja auch die Linke von sozialistischen Vorstellungen verabschiedet, auch von ihrer Terminologie. Die Linkspartei möchte nur das abschöpfen, was von den sozialistischen Träumen übrig geblieben ist, um daraus politischen Gewinn zu ziehen.

Wie viel SED steckt noch in der Linkspartei?


Eine Menge. Von den 50 000 sind 30 000 bis 40 000 noch Anhänger der SED. Wie ich die Dinge sehe, wird sie empören. Weil ich mit angeblich so edlen Zielen so rigoros umgehe und mich davon löse. Viele in der Linkspartei sind nicht bereit, sich mit den negativen Konsequenzen des Sozialismus und der SED auseinanderzusetzen.

Bietet nicht die Wirtschafts- und Finanzkrise einen Nährboden für neue sozialistische Träume?
Das sind Unzulänglichkeiten der jetzigen Gesellschaft, das stimmt. Die auch verändert werden müssen. Aber eine Illusion über eine bessere, eine ideale Gesellschaft bringt keine Lösungen. Solche sozialistischen Vorstellungen haben vielleicht die Funktion, negative Erscheinungen einer Gesellschaft zu korrigieren, aber sie werden letztlich nicht zu einer besseren Gesellschaft führen. Ich halte den Kommunismus als Modell für gescheitert. Ob aber diese Illusion noch einmal auflebt, kann man nicht voraussagen, jedoch muss man damit rechnen. Die Menschheit wird immer wieder auch Dinge fertigen, die nicht funktionieren.

Sie sind der Einzige aus der ehemaligen SED-Führungsriege, der so einen radikalen Bruch vollzogen hat. Warum sind es nicht mehr?
Das kann ich nicht beantworten. Ich habe die DDR auch als Experiment betrachtet. Und das habe ich bis zum Exzess ausgekostet. Wir hatten die Zeit und die Möglichkeiten, dieses sozialistische Experiment einzugehen. Und nicht nur wir. Man kann sagen: Von der Oder bis nach Kamtschatka, dieses ungeheure Gebiet mit all seinen – auch materiellen – Möglichkeiten war der Ansatz für eine sozialistische Gesellschaft. Und sie ist von Kamtschatka bis an die Oder gescheitert. 80 Jahre hat der Kommunismus existiert und herausgekommen ist die Pleite, die wir erlebt haben. Schauen wir doch auf den Schund nicht nur bei uns, sondern auch in der Sowjetunion. Ich kenne die Sowjetunion mit all ihren Unzulänglichkeiten aus eigener Erfahrung und Anschauung gut. Da frage ich mich: Warum soll ich mich damit noch weiter beschäftigen? Aus dem Scheitern muss man doch Konsequenzen ziehen, dem muss man sich stellen. Ich habe mich gestellt.

Das Gespräch führten Matthias Schlegel und Christian Tretbar.

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