Zum Tod von Helmut Schmidt : "Aus Respekt wuchs über die Jahrzehnte tiefe Zuneigung"

Angela Merkel erinnert sehr persönlich an Helmut Schmidt, parteiübergreifend wird der Altkanzler gewürdigt. Erika Steinbach allerdings irritiert. Reaktionen auf den Tod von Helmut Schmidt.

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Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt raucht am 18.10.2008 in Berlin während des Sonderparteitag der SPD eine Zigarette.
Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt raucht am 18.10.2008 in Berlin während des Sonderparteitag der SPD eine Zigarette.Foto: dpa

"Ich bin wie viele Menschen in Deutschland heute sehr traurig" - Bundeskanzlerin Angela Merkel hat in einer sehr persönlich gehaltenen kurzen Ansprache am Dienstagabend auf den Tod von Helmut Schmidt reagiert, der am Dienstagnachmittag im Alter von 96 Jahren gestorben ist. Schmidt war zu seiner Regierungszeit auch in der eigenen Partei umstritten, doch in der Rolle als Altkanzlers wurde er mehr und mehr zu einem Mahner und Wegweiser. Bevor Merkel auf die Rolle des Staatsmannes zu sprechen kam, erzählte sie von ihrer eigenen ersten Erinnerung an Helmut Schmidt als Hamburger Innensenator während der Sturmflut 1962.

Merkel beschrieb, wie sie damals in der DDR zusammen mit ihren Eltern "in großer Sorge" um die Verwandten "vor dem Radio" saß. "Wir haben damals gerade Helmut Schmidt vertraut", sagte Merkel am Dienstag. Aber auch als Kanzlerin habe ihr "Rat und Urteil" des Sozialdemokraten etwas bedeutet, sie werde ihren letzten Besuch beim Altkanzler vor einem Jahr "nie vergessen". Merkel würdigte allerdings auch die Rolle des Staatsmannes Helmut Schmidt, verwies auf seine Rolle bei der Etablierung der Weltwirtschaftsgipfel, seinen Kampf gegen den Terrorismus in Deutschland sowie seine Verdienste um den Nato-Doppelbeschluss. Über die Jahrzehnte sei in Deutschland "aus Respekt über die Jahre tiefe Zuneigung" erwachsen, so die Kanzlerin: "Er hat sich um Deutschland verdient gemacht.

In der eigenen Partei war Helmut Schmidt durchaus nicht unumstritten, doch am Dienstag spielt das bei den Sozialdemokraten keine Rolle. SPD-Parteichef Sigmar Gabriel (ein Amt, das Schmidt im Übrigen nie inne hatte) erinnerte mit entsprechenden Worten an den Verstorbenen. "Helmut Schmidt", so Gabriel, habe "im besten Sinne des Wortes die internationale Tradition der Sozialdemokratie" verköprter. "Als kosmopolitischer Hanseat dachte und handelte er weit über die Grenzen Deutschlands, ja Europas hinaus in weltpolitischen Zusammenhängen. Den um sich greifenden „Raubtierkapitalismus“ kritisierte er scharf zu einer Zeit, als andere ihn noch lobten. Ein Staat, so seine Überzeugung, der die Märkte gewähren lässt, wird seiner Aufgabe, Demokratie und Bürgerrechte zu sichern und damit den sozialen Ausgleich zu gewährleisten, nicht gerecht."

Neben SPD-Chef Sigmar Gabriel weist auch der SPD-Fraktionsvorsitzende Thomas Oppermann auf die Lebensleistung des verstorbenen Sozialdemokraten hin.

Auf persönliche Weise nimmt auch Außenminister Frank-Walter Steinmeier von Helmut Schmidt Abschied: "Wir Deutschen haben eine Vaterfigur verloren", heißt es in seiner Stellungnahme über das Auswärtige Amt. "Helmut Schmidt hat uns und unser Land tief geprägt. Generationen – auch ich – haben seine Klugheit und Autorität gesucht und geschätzt – bis an sein Lebensende in einem gesegneten Alter."

Angela Merkel hatte am Nachmittag vor ihrer öffentlichen Ansprache bereits eine kurze Rede in der Unionsfraktion zum Tod von Helmut Schmidt gehalten. Die CDU-Abgeordnete Kristian Schröder twitterte von der Ansprache der Kanzlerin vor der Fraktion, ebenso Regierungssprecher Steffen Seibert.

Der Präsident der EU-Parlaments und Sozialdemokrat Martin Schulz sieht eine "Zäsur für Deutschland und Europa".

Bernd Ulrich, stellvertretender Chefredakteur der "Zeit", deren Herausgeber Helmut Schmidt war, findet sehr persönliche Worte:

CDU-Generalsekretär Peter Tauber dankt Helmut Schmidt noch einmal für den "Dienst an unserem Land".

Die Grünen bringen es gelungen auf den Punkt: "Oft streitbar, aber unbestreitbar ein großer Staatsmann". Parteichef Cem Özdemir schließt sich dem an.

Linken-Chef Bernd Riexinger lässt Helmut Schmidts Karriere in "prägenden Bildern" Revue passieren.

Und der Vorsitzender der FDP, Christian Lindner, findet ebenfalls große Worte.

Die CDU-Politikerin Erika Steinbach indes nutzt die Beileidsbekundung zu einem Zweck, der irritiert.

Bereits am Dienstagabend erntete sie dafür empörte Reaktionen auf Twitter. Der Grünen-Politiker und Bundestagsabgeordnete Omid Nouripour fragte in einem Antwort-Tweet: "Sie finden es nicht pietätlos, Ihre politischen Forderungen mit dem Tod eines gerade erst Verstorbenen zu verquicken?"

Andere User kritisierten, dass sie eine Äußerung Schmidts auf einer Veranstaltung des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) 1981 aus dem Kontext gerissen habe. Steinbach versuchte ihren Tweet mit dem Argument zu verteidigen, Helmut Schmidt hätte zu seiner Aussage gestanden, er sei "kein Feigling" gewesen.


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