Zum Tod von Nelson Mandela : Angekettet in der Botschaft

Es war im September 1986. Acht Politiker und Politikerinnen der Grünen besetzten die deutsche Botschaft in Pretoria aus Protest gegen die damalige CDU/FDP-Regierung und deren leisetreterische Politik gegenüber dem Apartheidregime in Südafrika. Ein Politkrimi.

Uschi Eid
Nur fünf Monate nach seiner Freilassung besuchte Nelson Mandela erstmals Deutschland - und traf in Bonn auch den damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker.
Nur fünf Monate nach seiner Freilassung besuchte Nelson Mandela erstmals Deutschland - und traf in Bonn auch den damaligen...Foto: dpa

Seit dem Einzug der Grünen in den Deutschen Bundestag hatten Südafrika und die politische Unterstützung der Opposition gegen das Apartheidregime höchste Priorität. Ebenso die Unterstützung der Nachbarstaaten Südafrikas, die damals Opfer der südafrikanischen Aggressions- und Destabilisierungspolitik waren. Es sei daran erinnert: Südafrika war das einzige Land, das die Entrechtung und Diskriminierung der schwarzen Bevölkerungsmehrheit aufgrund ihrer Hautfarbe gesetzlich festgeschrieben hatte. Schwarze, die in den Städten arbeiteten, mussten in von Weißen strikt getrennten Ghettos leben, in den sogenannten Townships. Diejenigen, die als Arbeitskräfte nicht benötigt wurden, wurden gemäß einer staatlicherseits definierten "Stammeszugehörigkeit" in sogenannte Homelands ausgebürgert, in Reservate, welche durch die "Eingeborenen-Gesetze" zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts geschaffen worden waren.

Jeglicher Widerstand gegen diese Rassentrennungspolitik, der sich seit der Gründung des ANC 1955 immer wieder aufs neue organisierte, wurde von dem südafrikanischen Sicherheitsapparat und dem Militär niedergeschlagen, tausende von Apartheidgegnern waren im Gefängnis, wurden gefoltert und getötet. 1986 wurde ein landesweiter Ausnahmezustand verhängt, in dessen Folge 50.000 Menschen eingekerkert wurden. Friedliche Demonstrationen wurden zusammengeschossen, Killerkommandos gezielt auf Bürgerrechtler, Menschenrechtsaktivisten und Gewerkschafter angesetzt. Selbst Verhaftungen und Folter von Kindern und Jugendlichen waren keine Tabus.Die schwarzen Townships, Schulen und Universitäten wurden von Polizei und Militär belagert. Gegen viele Gefängnisinsassen wurde jahrelang überhaupt keine Anklage erhoben.

Krieg gegen die eigene Bevölkerung

Der Apartheidstaat führte aber nicht nur Krieg gegen die eigene Bevölkerung, sondern überzog auch die Nachbarstaaten mit Krieg und Verwüstung. Südafrikas Druck und Terror reichte von Wirtschaftsmaßnahmen und der Unterstützung von Rebellengruppen bis hin zu militärischen Überfällen, Besetzungen und offenem Krieg. Diese Aggressionspolitik forderte allein in den 1980er Jahren mehr als 1,5 Millionen Menschenleben in den Nachbarstaaten. Angesichts dieser Situation hielten wir es für politisch verwerflich, dass die Bundesrepublik zu den wichtigsten Wirtschaftspartnern des Apartheidstaates gehörte und das bereits 1977 vom UN-Sicherheitsrat
verhängte Rüstungsembargo nicht besonders ernst nahm. Die Bundesregierung pflegte sogar hochrangige diplomatische Beziehungen zu Südafrika, die 1984 im Besuch des damaligen Premierministers des Apartheidstaates, Pieter Willem Botha, in Bonn gipfelten. Dies führte zu einem Vertragsabschluss über die Lieferungen von Konstruktionsunterlagen für den Bau von U-Booten.

Die Bundestagsfraktion der Grünen versuchte mit allen zur Verfügung stehenden Möglichkeiten, auf die Zustände in Südafrika aufmerksam zu machen, den Druck auf das Apartheidregime zur Beendigung der Rassenpolitik zu erhöhen und die Bundesregierung zu einem Kurswechsel in ihrer Südafrikapolitik zu bewegen. Wir unterstützten die Forderungen der südafrikanischen Opposition nach umfassenden Wirtschaftssanktionen und einem Ende des "business as usual". Mit unseren vielfältigen parlamentarischen Initiativen verlangten wir von der Bundesregierung, dass sie auf das Apartheidregime Druck zur Abschaffung der Rassentrennung ausüben möge, und für die
Einführung des allgemeinen und freien Wahlrechtes, für eine unabhängige Justiz, zur Einrichtung eines Moratoriums bei der Verhängung der Todesstrafe sowie für die Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz eintrete.

Außerparlamentarische Protestform

Mit der Initiative zur Einsetzung des sogenannten "U-Boot-Untersuchungsausschusses" wollten wir Licht in das Dunkel der Militärkooperation zwischen Deutschland und dem Apartheidstaat bringen. Da unsere parlamentarischen Initiativen leider in der Regel abgeschmettert wurden, ersannen wir angesichts unserer Ohnmacht eine Aktion in der Tradition unserer außerparlamentarischen Protestformen. Diese sollte zwar spektakulär, jedoch unserem Anliegen angemessen sein. In Betracht kamen zum Beispiel eine weithin sichtbare Aktion auf dem Tafelberg, ein unkonventioneller Protest vor dem Parlament in Kapstadt oder eine phantasievolle
Demonstration vor dem Pollsmoor-Gefängnis, in das Nelson Mandela 1982 von seiner Gefängnisinsel Robben Island überwiesen worden war.

Lukas Beckmann, damaliger Sprecher der Grünen, und ich teilten uns die Aufgaben, die zur Entscheidung für eine solche Aktion notwendig waren: Er war verantwortlich für die Vorbereitung der Aktion in Deutschland, ich übernahm die südafrikanische Seite. Beides musste völlig konspirativ von statten gehen, denn die Effizienz des südafrikanischen Geheimdienstes – auch in Bonn – war uns bekannt. Ohne Zögern flog ich nach Südafrika, erkundete die mir bereits bekannten Örtlichkeiten - diesmal unter einem anderen Blickwinkel - und schaute mich nach logistischen und Sicherheitshindernissen um sowie nach Möglichkeiten, sie zu umgehen. Ich
knüpfte Kontakte zu Personen meines Vertrauens, deren Rat ich einholte und die uns im Notfall zu Hilfe kommen könnten. Bei all dem war größte Vorsicht erforderlich, um die Aktion durch eventuelle Unachtsamkeiten nicht schon im Vorfeld zu gefährden.

Nach Abwägung aller Für und Wider entschieden wir uns für die Besetzung der deutschen Botschaft in Pretoria. Ziel unserer Aktion war es, auf die das Apartheidsystem stützende Südafrika-Politik der Bundesregierung aufmerksam zu machen, Solidarität mit den Apartheidgegnern zu bekunden und die Bonner Regierung zu mehr Druck auf Südafrika zu bewegen. Bonn sollte Druck ausüben, damit die politischen Gefangenen, vor allem Nelson Mandela, freigelassen würden, die Rassentrennung aufgehoben und ein demokratisches Südafrika aufgebaut würde.

Wolfram Kistner, Sohn eines deutschen Missionars, südafrikanischer Theologe und damals Leiter der Abteilung "Gerechtigkeit und Versöhnung" im Südafrikanischen Kirchenrat, war für mich die Vertrauensperson, von deren Zustimmung ich die Botschaftsbesetzung abhängig machen wollte. Ich kannte ihn von meinen früheren Besuchen und ich ging davon aus, dass er sowohl die Risiken als auch die politische Bedeutung einer solchen Aktion im südafrikanischen Kontext am besten einschätzen konnte. Nach mehreren telefonischen Versuchen konnten wir uns in seinem Haus verabreden. Allerdings lud er mich sofort zu einem "Gartenspaziergang" ein, als ihm klar wurde,
dass unser Gespräch kein religionsphilosophischer Disput werden würde. Wir sollten deshalb auf ungebetene Zuhörer verzichten - Wolfram Kistner ging davon aus, dass seine Wohnung abgehört wurde. Ohne viele Worte und große Erklärungen befand er unsere geplante Aktion für richtig und gut und gab somit den Startschuss für die endgültige Vorbereitung.

Misstrauischer Eisenwarenhändler

Da ich all das, was ich mittlerweile ausgeheckt hatte, nicht am Telefon mit meinen Grünen Freunden in Bonn besprechen konnte - ganz sicher wurde auch mein Hoteltelefon überwacht -, musste ich zurück nach Deutschland. Dort angekommen, besprach ich mit Lukas Beckmann das weitere Vorgehen und die notwendigen logistischen Vorbereitungen. So mussten wir zum Beispiel vermeiden, dass zu viele Grüne am selben Tag und womöglich noch mit derselben Fluglinie flogen. Ich flog zum Beispiel gleich am nächsten Tag wieder nach Johannesburg zurück, während Lukas Beckmann in Bonn andere Mitstreiter gewinnen und sie in den Plan einweihen sollte. Einen Tag
später reiste er nach.

In Johannesburg besorgten wir dann gemeinsam die nötigen Utensilien. Das wichtigste war, ganz konspirativ acht kürzere Ketten und eine längere zu besorgen. Der Eisenwarenhändler, den wir endlich ausfindig machten, hatte diese leider nicht vorrätig und brachte uns mit seinen Fragen, wozu wir denn solche Ketten bräuchten, in arge Bedrängnis. Lukas Beckmann, dem studierten Landwirt, fiel dazu wie selbstverständlich ein, er wolle seinem vor
zwanzig Jahren ausgewanderten Bruder einen wirklich deutschen Garten anlegen; dazu bräuchte er nun mal dringend diese Ketten. Erst eine genaue Zeichnung des geplanten Gartens schien den misstrauischen Herrn zu überzeugen, so dass wir vier Stunden später die Ketten abholen konnten, die er dank eines guten „Aufgeldes“ per Taxi irgendwo besorgt hatte. Desweiteren besorgten wir weiße Stoffe, die wir in unseren Hotelzimmern mit politischen Forderungen beschrifteten, immer auf der Hut, dass der Geruch der Farben nicht die Neugierde unliebsamer Hotelgäste auf sich zog.

Nachdem uns - verschlüsselt - die unterschiedlichen Ankunftsdaten der übrigen Teilnehmer übermittelt worden waren, vereinbarten wir Gesprächstermine mit Erzbischof Desmond Tutu und mit der deutschen Botschaft. Mit der Botschaft sollte ein übliches "Briefing" stattfinden, um uns vor unserer vorgetäuschten Weiterfahrt nach Kapstadt über die aktuelle Lage in Südafrika zu informieren. Da der Botschafter zu der Zeit nicht in Südafrika weilte, vereinbarte ich einen Termin mit dem Geschäftsträger, Herrn Ziefer. Wie sich im Nachhinein herausstellte, war er schon vor dem Eintreffen der anderen sechs Grünen über deren Reise informiert. Der südafrikanische
Geheimdienst hatte uns also im Auge und hätte gerne näheres über unsere Pläne erfahren.

"Anweisungen" an Bischof Tutu

Unsere verabredete Sprachregelung war, dass wir nach einem kurzen Aufenthalt in Johannesburg nach Kapstadt weiterreisen wollten, so dass sich alle in Johannesburg und Pretoria - so auch die Deutsche Botschaft - in Sicherheit wägen konnten. Dass auch die Botschaftsangehörigen vermuteten, acht Grüne führten etwas im Schilde, lag auf der Hand, aber sie sollten in ihrem Glauben bestärkt werden, unser eigentliches Reiseziel sei Kapstadt. Dies war uns auch gelungen, wie sich später herausstellte. Alle glaubten, wir hätten eine Aktion vor dem südafrikanischen Parlament im Auge und wollten beantragen, Nelson Mandela im Gefängnis zu besuchen.

Wie verabredet besuchten wir das Büro von Bischof Tutu. Nach dem Gespräch übergaben wir ihm einen Brief mit der Bitte, ihn erst am nächsten Tag zu öffnen. In dem Brief informierten wir ihn, dass wir zum Zeitpunkt der Öffnung des Briefes die deutsche Botschaft besetzt haben würden und er uns zu Hilfe kommen möge, falls etwas Unvorhergesehenes geschehe. Diese Vorsichtsmaßnahme lässt erkennen, dass wir den Botschaftsangehörigen doch sehr misstraut haben. Ob sich Bischof Tutu an unsere "Anweisungen" hielt, ist bis heute ein Geheimnis!

Am darauffolgenden Tag gingen wir zur deutschen Botschaft. Die Ketten, mit denen wir uns anketten wollten, hatten wir sorgfältig um den Körper gebunden; ich wusste, dass wir als Abgeordnete in der Sicherheitsschleuse nicht durchsucht werden würden. So nahmen wir alle im Besprechungszimmer Platz, wurden vom Geschäftsträger und anderen Botschaftsangehörigen über die Lage in Südafrika informiert und diskutierten sehr angeregt über die brennendsten Fragen der deutschen Südafrikapolitik. Obwohl wir versuchten, so entspannt wie möglich zu wirken, fiel unseren Gastgebern auf, dass wir während des Gesprächs auf einmal reihum das stille Örtchen aufsuchten - schließlich wussten wir ja nicht, wie wir die nächsten 24 Stunden verbringen würden.

Petra Kelly ruft bei "Omi" an

Vor dem Ende des Gesprächs rief Petra Kelly ihre "Omi" an, um der besorgten alten Dame mitzuteilen, dass es uns gut ginge - in Wirklichkeit das verabredete Telefonat mit der Bundestagsfraktion in Bonn, dass die Aktion in etwa einer halben Stunde "starte". Zum Abschluss des Gesprächs folgte man meiner Bitte und zeigte uns die Räumlichkeiten und die "Arbeitsbedingungen" in der Botschaft. Vor dem Zimmer des Geschäftsträgers gab ich Willi Hoss das verabredete Zeichen, worauf dieser in ganz ruhigem Ton die Botschaft für besetzt erklärte, dabei aber auch schon das geplante Ende nach 24 Stunden mit verkündet und deutlich machte, dass sich unser Protest gegen die Politik der Bundesregierung richte.

Die Überraschung war gelungen. Wir nahmen das Büro in Beschlag, ketteten uns an und entgegen wilder Gerüchte wurde weder randaliert noch Mobiliar zerstört. Anständig wie wir waren, packten wir Zeitungspapier zwischen
die Ketten und die Möbeloberflächen, um nichts zu beschädigen. Auf der sofort anberaumten Krisensitzung in der Botschaft und - so erfuhren wir anschließend - nach intensiven Telefonaten mit dem damaligen Außenminister, wurde beschlossen: Erstens, uns rund um die Uhr zu bewachen und niemanden aus dem Auge zu lassen; zweitens, jeglichen Kontakt unsererseits mit der Außenwelt zu verhindern. Im Zwei-Stunden-Takt wechselten sich unsere
Bewacher ab, wobei der Grad der Gelassenheit, mit der uns die verschiedenen Botschaftsangehörigen "Gesellschaft leisteten", sehr unterschiedlich war. Sie reichte von interessanten Gesprächen bis hin zu leichten Handgreiflichkeiten um uns daran zu hindern, durch das Fenster den draußen stehenden Journalisten zuzuwinken. In einem kurzen unbeobachteten Augenblick gelang es Gerd Bastian und mir, zwei unserer mitgebrachten Transparente aus dem Fenster zu halten. "Free Nelson Mandela", diese Forderung auf meinem Transparent konnte man deutlich auf dem damals im Spiegel veröffentlichten Foto lesen.

So verbrachten wir also 24 Stunden angekettet in der Botschaft, ohne wirklich zu wissen, was draußen passierte. Wir hofften natürlich, dass über die Journalisten, die über die Pressearbeit der Bundestagsfraktion der Grünen in Bonn informiert worden und zur Botschaft gekommen waren, sowohl in Südafrika als auch in Deutschland etwas über unsere Protestaktion in die Öffentlichkeit gelangte. Allerdings war die vom Auswärtigen Amt verhängte "Kontaktsperre" hierzu nicht besonders hilfreich. Handys gab es noch keine und das Telefon der Botschaft war für uns abgeklemmt. Während südafrikanische Zeitungen uns mit Meldungen wie "Grüner Protest im Vier-Sterne-Hotel" diskreditieren wollten, hatten wir beschlossen, diese 24 Stunden zu fasten und auf gar keinen Fall etwas von der Botschaft anzunehmen. Erst nach längeren Diskussionen mit Botschaftsangehörigen akzeptierten wir schließlich Tee.

"Höchst unfreundlicher Akt"

Bei einem meiner nächsten Besuche in der Botschaft erzählte mir ein damaligen "Bewacher", dass seine Kinder sich mit uns solidarisierten und uns dringend etwas zu Essen und zu Trinken bringen wollten - schließlich seien sie doch auch gegen die Rassentrennung in Südafrika. Er habe seine ganze Überredungskunst aufbieten müssen, um seine Kinder davon zu überzeugen, dass es sich schließlich nicht um ein "freundliches Happening" handele, sondern um einen "höchst unfreundlichen Akt" gegenüber der Bundesregierung. Da verböte sich jegliches Zeichen von Sympathie.

Am nächsten Tag, pünktlich nach 24 Stunden, verließen wir die Botschaft. Wegen angeblicher Demonstrationen von Apartheidanhängern und südafrikanischen Rassisten vor dem Botschaftsgebäude, die gegen uns und unsere Aktion demonstrierten, beugten wir uns dem dringenden Wunsch des Geschäftsträgers der Botschaft, die Demonstranten nicht zu provozieren und jegliche Eskalation zu vermeiden, denn man könne sonst keine Garantie übernehmen, dass wir heil zum Flughafen kämen. Ob tatsächlich Gefahr für Leib und Leben bestand, konnten wir nie wirklich herausfinden. Tatsache ist, dass wir nach reiflicher Überlegung in zwei Gruppen die Botschaft verließen: Ich ging mit der Gruppe, die wegen ihrer Bekanntheit am gefährdetsten erschien, durch den Hinterausgang der Botschaft. Zu ihr gehörten auch Petra Kelly und Gerd Bastian. Die andere Gruppe verließ das Gebäude durch den Haupteingang, um dort den wartenden Journalisten unseren Protest gegen die Unterstützerpolitik der Bundesregierung und ihre heimliche Komplizenschaft mit dem Apartheidregime zu verdeutlichen, unsere Solidarität mit den Apartheidgegnern zu erklären, unserer Forderung nach Freilassung der politischen Gefangenen, Nachdruck zu verleihen und die Notwendigkeit von Wahlen, nach dem damaligen Motto "one person, one vote" zu unterstreichen.

Zurück in Deutschland stellten wir fest, dass unser Gepäck durchwühlt und aus allen Koffern "strategisch wichtige" Gegenstände wie Dokumente und Schlüssel entwendet worden waren. Diese Nadelstiche des südafrikanischen Geheimdienstes nahmen wir angesichts der erfolgreichen Aktion mit einem Achselzucken hin; war es uns doch gelungen in Südafrika ein Zeichen der Solidarität mit den Menschen zu setzen, die für ein neues Südafrika kämpften und die Bundesregierung geriet durch unsere Aktion unter zusätzlichen Rechtfertigungszwang für ihre Südafrikapolitik.

Zwei Tage später begann auf Einladung meiner Fraktion eine mehrtägige Namibiakonferenz. Die Situation im damaligen Südafrika war so hoffnungslos, dass niemand wirklich an baldige Veränderungen glaubte. Doch knapp vier Jahre später schien der innenpolitische und auch außenpolitische Druck das Apartheidregime zu Zugeständnissen zu zwingen. Als endlich am 11.Februar 1990 Nelson Mandela aus dem Gefängnis entlassen wurde, war dies ein ergreifendes Erlebnis. Bei seinem ersten Besuch in Bonn nur fünf Monate später, konnte ich Nelson Mandela im Namen meiner Fraktion begrüßen. Es war kaum zu glauben: Da stand er nun vor mir, der Mann, der wegen seines Kampfes gegen Rassismus und Unrecht 27 Jahre hinter Gitter verbracht hatte und für die ganze Welt zum Symbol des Widerstandes und der Versöhnung wurde. Mit einem Augenzwinkern stellte mich der Vertreter des deutschen Protokolls mit dem Hinweis auf die damalige Botschaftsbesetzung vor - ein Hauch von Stolz in seiner Stimme war nicht zu überhören. Ich selbst habe in diesem, für mich durchaus historischen Moment, an ganz andere Dinge gedacht.

Der Text stammt aus dem Buch: Das war‘s! Was Abgeordnete so alles (üb-) erleben
Sie müssen kein Blatt mehr vor den Mund nehmen. Frischgebackene Ex- Abgeordnete erzählen von ungewöhnlichen Begegnungen und kuriosen Erlebnissen, von ihren Enttäuschungen und Glücksgefühlen. Insgesamt haben sie 792 spannende Parlamentsjahre (üb-) erlebt. Mehr Infos auf: http://www.das-wars.com/index.html

Die Autorin Uschi Eid war von 1985 bis 1990 und von 1994 bis 2009 Bundestagsabgeordnete der Grünen.

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