Politik : Zunehmend nervös

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Von Elke Windisch, Moskau

Der Angriff US-amerikanischer Kampfjets auf eine afghanische Hochzeitsgesellschaft ist bereits der dritte Vorfall dieser Art. Schon im März und im Mai beantworteten die Piloten Freudenschüsse mit Garben ihrer Bordwaffen, weil sie die Festgesellschaften für Taliban- oder Al-Qaida-Kämpfer hielten. Damals kamen jeweils zehn Menschen ums Leben. Bei einem ähnlichen Zwischenfall am Montagabend im Heimatdorf von Talibanchef Mullah Omar in der Provinz Uruzgan kamen mindestens 40 Menschen ums Leben. Einzelne Agenturen gehen sogar von bis zu 300 Toten und Verletzten aus. Amerikanische Militärs erklärten, ihre Jets seien von Granatwerfern angegriffen worden. Jetzt soll eine von Interimspräsident Hamid Karzai eingesetzte Regierungskommission zusammen mit amerikanischen Experten versuchen, den Vorfall aufzuklären.

Der lässt zum einen befürchten, dass die Amerikaner zunehmend nervöser reagieren, weil sie erkennen müssen, dass sie vom eigentlichen Ziel der Anti-Terror-Operation – Ausschaltung und Vernichtung der Terroristen in Afghanistan – nach wie vor weit entfernt sind. Die schnellen militärischen Erfolge im Herbst entpuppten sich in Teilen als Scheinsieg: Taliban und die Araber-Afghanen von Al Qaida räumten die großen Städte vor allem, um Verluste zu minimieren, sich neu zu gruppieren und der Karzai-Regierung, Isaf und den Kräften der internationalen Anti-Terror-Koalition einen Partisanenkrieg aufzuzwingen. Dies geschah zu einem für sie günstigen Zeitpunkt und auf einem Terrain, das ebenfalls sie bestimmen.

Beim jüngsten Angriff hatte die Besatzung eines B-52-Bombers gemeldet, eine der satellitengesteuerten Bomben – 900 Kilo schwer – sei außer Kontrolle geraten und womöglich im Hochzeits-Dorf eingeschlagen. Auch die andere offiziell gehandelte Version – Kollateralschäden beim Beschuss von Taliban-Stellungen durch US-Kampfjets – hat wenig gemein mit Präzisionsschlägen, die die Zivilbevölkerung angeblich schonen. Dabei wären Vorsicht und Zurückhaltung gegenwärtig besonders angebracht. Nicht nur durch militärische Fehlleistungen hat Washington sein Startguthaben als Befreier bei vielen Afghanen nahezu aufgebraucht. Aus Protest gegen Einmischung in die demokratische Willensbildung bei der Wahl von Interimspräsident und -regierung verließ ein Drittel der Delegierten die Loya Dschirga Mitte Juni vor deren Ende. Darunter waren auch viele einflussreiche, mit Exkönig Zahir Schah sympathisierende Paschtunenführer aus dem Osten und Südosten Afghanistans, wo sich die Kämpfe zwischen US-Einheiten und Taliban konzentrieren.

Die meisten von ihnen verfügen – nicht zuletzt dank üppiger Spenden der USA für den Kampf gegen die Taliban – über Privatarmeen von bis zu 30 000 Mann. Es ist nicht ausgeschlossen, dass sie versuchen, die Beschlüsse der Dschirga zu korrigieren – unterstützt von den Milizen nach wie vor potenter Warlords wie Abdul Rassul Sayyaf. Der ist ein erklärter Antiamerikaner und Chef der fundamentalistischen Ittihad-e-islami-Partei, die zunehmend zum Auffangbecken für die Taliban und deren Mitläufer wird. Amerika, drohte Sayyaf, zwinge erneut, Pakistan zur Hilfe zu rufen. Diesem Aufschrei kann sich die Regierung in Islamabad angesichts großer paschtunischer Bevölkerungsgruppen im eigenen Land schlecht entziehen.

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