• Zur Erziehung ins Schweizer Gefängnis Buch enthüllt Praktiken in Jugendfürsorge bis 1981

Politik : Zur Erziehung ins Schweizer Gefängnis Buch enthüllt Praktiken in Jugendfürsorge bis 1981

Zürich - Die Jugendlichen waren aufmüpfig, schwer erziehbar oder schwanger, von zu Hause weggelaufen oder selbstmordgefährdet. Eine Straftat hatten sie nie begangen, trotzdem landeten Tausende von ihnen in Schweizer Gefängnissen. Fast ein Jahrhundert lang, von 1884 bis 1981, wurden nach Angaben des Juristen Dominique Strebel rund 25 000 Jugendliche auf diese Weise interniert. Die „administrative Versorgung“, wie die Inhaftierung in der Amtssprache hieß, verfügten meist örtliche Behörden. Erst jetzt, nach jahrzehntelangem Kampf der Opfer, entschuldigte sich Bern.

„Wenn ich erzähle, dass ich im Alter von 17 Jahren zur Erziehung im Gefängnis war, glaubt mir das niemand. Aber ich hatte kein Verbrechen begangen“, sagt Gina Rubeli. Die heute 58-Jährige saß 1970 in der Frauenanstalt Hindelbank bei Bern – als selbstmordgefährdete Ausreißerin. Rubeli hatte einen Großteil ihrer Jugend damit verbracht, von ihrer zerrütteten Familie loszukommen. „Plötzlich fand ich mich neben Dieben, Mördern und hartgesottenen Kriminellen wieder“, erzählt sie. In seinem Buch „Weggesperrt“ erzählt Strebel die berührenden Geschichten von Teenagern, oft aus schwierigen Verhältnissen, deren Streben nach Freiheit oder Abenteuer im Gefängnis endete. „Wenn eine junge Frau aus der Unterschicht schwanger wurde, kam sie ins Gefängnis und wurde wie ein Nichts behandelt. Es war brutal“, sagt Ursula Biondi, die selbst als Schwangere in Hindelbank war. Als sie dort ein Kind zur Welt brachte, wurde es sofort weggegeben. Erst nach monatelangem Rechtsstreit erhielt sie es zurück.

Es waren meist untere Behörden auf Ortsebene, die „liederliche, arbeitsscheue oder verwahrloste“ Jugendliche in Strafanstalten einwiesen. Erst als die Schweiz 1974 die Europäische Menschenrechtskonvention ratifizierte, änderte sich die Einstellung in der Jugendfürsorge. Doch dauerte es nochmals sieben Jahre, bis die „administrative Versorgung“ gestoppt wurde. Und erst weitere 19 Jahre später erhielten die Opfer eine offizielle Entschuldigung für erlittenes Unrecht: Am 10. September 2010 baten die Justizministerin der Schweiz, Eveline Widmer Schlump, und weitere Regierungsvertreter um Verzeihung. Ursula Biondi bedeutet die öffentliche Entschuldigung viel: „Erst jetzt kann ich diese Zeit verarbeiten“, sagt sie. Ihre Schicksalsgenossin Rubeli gründete eine Interessengemeinschaft und kämpft nun für einen Untersuchungsausschuss im Parlament, der dieses dunkle Kapitel aufklären und eine Entschädigung bereitstellen soll. AFP

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