Zur Lage der Nation (2) : Ist Deutschland in der Krise?

Die Stimmung ist schlecht, das Klima gereizt. Das Land wird seiner selbst nicht froh – dabei geht es uns doch ziemlich gut. Neigen wir zur Hysterie? Diskutieren Sie mit.

von
Foto: Anikka Bauer
Foto: Anikka Bauer

In Athen brennen Straßen und Geschäfte, Griechenland droht der Bankrott. Spanien verzeichnet eine Arbeitslosenquote von zwanzig Prozent. Das belgische Staatsgebilde zerlegt sich. Italien wird von einem Partyluden regiert. In Pompeji stürzt ein zweitausend Jahre altes Haus ein. Regen hat die Mauern aufgeweicht – und Behördenschlamperei.

Es ist kein schönes Bild, das die alten Kulturnationen bieten. Leicht variiert, lässt sich mit Heinrich Heine sagen: Denk’ ich an Europa in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht. Ein Blick nach Amerika, und man kann sich wieder hinlegen. Die älteste Demokratie der Welt – entzaubert, tief gespalten, innerlich angefressen, in ihrem Selbstverständnis erschüttert.

Und was ist mit uns, wo findet sich Deutschland wieder in diesem „Meer von Plagen“, wie es bei Hamlet heißt? Gemessen an seinen Nachbarn und Bündnispartnern, schneidet die Bundesrepublik gut ab, sehr gut sogar. Die deutschen Wirtschaftsdaten, sofern man Zahlen, Börsen, Ökonomen überhaupt trauen kann, zeigen eine durchweg positive Tendenz. Merkel-Land wird anderswo bewundert, allein: Die Stimmung ist schlecht, das Klima gereizt. Die objektive und die gefühlte Lage stehen im krassen Widerspruch zueinander.

Ist es womöglich die Angst, wir könnten von einer irischen Staatspleite, einem portugiesischen Offenbarungseid oder der amerikanischen Supermachtsdämmerung jederzeit mit hinabgerissen werden? Ist es die vorauseilende Befürchtung des Klassenbesten, die Strafe für das Versagen der anderen zu kassieren?

In London stürmen Studenten die Zentrale der regierenden Tories. Streiks legen Frankreich lahm, die Demonstrationen entzünden sich gegen ein Renteneintrittsalter von 62 Jahren. In den Niederlanden muss sich die Regierung von der Partei des Rassisten Geert Wilders tolerieren lassen.

Und was bewegt Deutschland? Wir fetzen uns über ein Buch, einen Bahnhof, ein paar alte Bäume.

Graue Gespenster gehen um: Bürgerhysterie und Wohlstandswut. Das kann auch Angst machen – diese Verbissenheit und Rechthaberei im Verein mit provinzieller Gemütlichkeit. Es kann ja sein, dass Stuttgart keinen unterirdischen Verkehrsknotenpunkt braucht, wahrscheinlich ist das Projekt auch eine Kostenfalle, wie fast jedes große Bauvorhaben; warten wir mal den Bau des Berliner Stadtschlosses und die Endabrechnung des neuen Flughafens BBI ab. Stuttgart 21 muss nicht sein, nicht ums Verrecken, und sicher lassen sich Milliarden Euro an anderer Stelle genauso gut oder sinnvoller ausgeben. Aber reicht das aus, um eine Legitimationskrise der Politik auszurufen und Megaprojekte generell für undurchführbar zu erklären? Mit einer solchen Einstellung wäre der Hauptstadtumzug von Bonn nach Berlin nie gelungen.

Da will etwas mit Macht zurück in die Vergangenheit: Die Stuttgarter Technikstürmer verteidigen einen spukhässlichen Bahnhofsbau, sie ziehen das Vertraute allemal dem Neuen vor. Hier berühren sich die Kreise der Stuttgart-21- Gegner mit jenen, die das Sarrazin-Buch gezogen hat. „Deutschland schafft sich ab“: Die Stärke des Demagogen steckt nicht in seinen Argumenten, sie liegt vielmehr im Unausgesprochenen. Thilo Sarrazin will ein sauberes, übersichtliches, genuines Land. Ein Deutschland, wie es vielleicht einmal war, als nationale Grenzen eine größere Bedeutung hatten als heute und einfach dichter waren. Ein Kopfbahnhof passt dazu gut.

Einen „wahnhaft eskalierten Hype“ der Medien um das Sarrazin-Buch beklagt Hans-Ulrich Jörges vom „Stern“. Wochenlang musste man mit ansehen, wie „das Buch“ mit öffentlich-rechtlichen Rundfunkgebühren gepusht wurde. Doch es lohnt sich, den Überdruss zu unterdrücken und noch einmal auf die beiden großen Debatten dieses Herbstes zurückzublicken; es ist ja nicht vorüber. Untätigkeit und Verlogenheit der politischen Klasse, so lautet der Vorwurf, den sowohl der Ex-Politiker Sarrazin als auch die Bahnhasser und Baumschützer massiv formulieren. Sie fühlen sich im eigenen Biotop bedroht und um eine eingehegte Zukunft betrogen – von Technik und Architektur auf der einen, von angeblich unkontrollierbarer Zuwanderung und genetischer Volksverblödung auf der anderen Seite. Das ist der Stoff, aus dem die Anstalten Büßergewänder und Richterroben für die Talkshows schneidern. Das ist der bittere Saft, in dem die Unzufriedenen schmoren, der die Stimmung vergällt, Hysterie nährt.

Die Grünen werden bei den kommenden Wahlen davon profitieren. Für sie beginnt dann vermutlich der Prozess der Abnutzung und Desillusionierung, den die anderen Parteien – auch die Linke – vielleicht schon verloren haben. Da zeigt sich ein weiteres Phänomen dieses Landes, das von außen betrachtet so glatt durch die Krise kommt, aber seiner selbst nicht froh wird. Es ist die Rede von der schlechten Personalqualität der Politik, von fehlenden Führungspersönlichkeiten und einer Elite auf Schwundstufe. Wenn es so einfach wäre.

Mag ein Ministerpräsident Mappus katastrophal agieren und jedes Biedermann-Klischee erfüllen – hat man Filbinger vergessen, den NS-Marinerichter? Niemand wird ernstlich behaupten können, dass die siebziger, achtziger, neunziger Jahre mit Typen wie Dregger, Möllemann, Kanther oder Zimmermann gesegnete Zeiten waren. Das wären bessere Politiker gewesen, bedeutendere Persönlichkeiten? Sie blieben nur länger im Amt. Welche Bedrückung lag in den letzten Jahren der Kohl’schen Kanzlerschaft auf dem Land, wie hoch war der Ministerverschleiß unter dem Ewigkeitskanzler!

Das gesellschaftliche Gedächtnis leidet an Schwund. Preisfrage: Welche Debatte erschütterte das Land vor Sarrazin und Stuttgart? Wenn die Erinnerung nicht trügt, war da was mit Missbrauch und Kirche und Schulen. Immer diese fiesen Themen. Jetzt freuen wir uns erst mal auf den Papstbesuch im nächsten Jahr.

Politische Unzufriedenheit ist nicht mehr mit der Wahl einer Partei und eines Kandidaten und der Abwahl eines anderen abzuregeln. Die Frustration hat etwas Strukturelles. Das Gefühl überwiegt, dass Politik Probleme nicht mehr zu lösen vermag. Denn die neuen Gefährdungen sind global, entstehen in einem virtuellen Raum, den man die Märkte nennt, entziehen sich dem Zugriff nationaler Regierungen und Parlamente. Selbst die EU mit ihrem Euro-Schutzschirm wirkt relativ machtlos.

Aber stimmt das? Erleben wir nicht, dass es Staaten gibt, die bis zu einem gewissen Grad den Krisen und Märkten trotzen? So ein Land ist Deutschland. Wie soll man etwa einem amerikanischen Besucher das funktionierende deutsche Gesundheitswesen, unsere substanziellen staatlichen Ausgaben für die Kultur und die moderaten Immobilienpreise hierzulande erklären, ohne als Paradiesvogel dazustehen? Nein, es geht uns schlecht, und das Jammern auf hohem Niveau geht einher mit dem Sich-Festklammern an überlebten Vorstellungen. Irgendwo stecken die altdeutschen Verhältnisse noch in den Köpfen – das Wohlsortierte, Behütete der westdeutschen Republik wie auch die schreckliche Aufgehobenheit in der DDR. Die „fürsorgliche Belagerung“, wie Heinrich Böll schrieb.

Wenn es ein spezifisch deutsches Problem am Anfang des 21. Jahrhunderts gibt, dann ist es die erklärliche Konzentration auf das Gelingen der Wiedervereinigung, während in der Welt draußen weitaus größere Umwälzungen vonstattengingen. Damit will man jetzt nicht auch noch behelligt werden. Der Fall der Mauer war Symbol globaler Veränderung, aber nicht die ganze Geschichte. Bei Sarrazin liegt der Zusammenhang auf der Hand: Ein Land soll sich abschotten, nur die Sahne von der Globalisierung abschöpfen – worin sich die Exportnation Deutschland ja weltmeisterlich zeigt. Wir haben eigentlich gar keine schlechte Laune, bloß ein schlechtes Gewissen.

65 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben