ZUR PERSON : "Die Deutschen quälen sich gerne ..."

Frankreichs scheidender Botschafter Claude Martin über Identität, Berlin und das Radfahren.

Frankreich
Claude Martin -Foto: Chaperon

Exzellenz, als Sie im Herbst 1998 nach Berlin kamen, haben Sie mit Ihrer Frau zuerst in Kreuzberg, in der Großbeerenstraße, gewohnt – ausgerechnet in einer Gegend, in der die Straßennamen an die deutschen Siege über Frankreich erinnern: Gneisenaustraße, Blücherstraße, Waterloo-Ufer …

Das war vielleicht der beste Teil meines Aufenthalts in Deutschland – ich saß noch nicht im goldenen Käfig einer Botschaft. Niemand wusste ja, dass ich der nächste Botschafter Frankreichs in Deutschland war; ich war sozusagen inkognito. So konnten wir leben wie die Deutschen: einkaufen bei Reichelt, Filme im Yorck-Kino. Und ich konnte am Goethe-Institut Deutsch lernen. Diese Nähe zu den Deutschen, die hatte ich später nur noch auf meinen Radtouren.

Ein Botschafter auf dem Fahrrad? Das ist ziemlich unkonventionell.

Weshalb? Radfahren ist eine Passion von mir. In meiner Jugend bin ich einmal mit dem Fahrrad von der Auvergne, wo ich aufgewachsen bin, nach Frankfurt am Main gefahren, mit einem deutschen Freund. Den Freund habe ich wiedergefunden, und so haben wir die zweite Etappe in Angriff genommen, von Frankfurt nach Berlin. Wir sind auch die Elbe entlanggefahren, die Donau, die Saale.

Ein Botschafter bleibt vier, bestenfalls fünf Jahre auf seinem Posten. Sie waren neun Jahre in Deutschland, ungewöhnlich lange. Was hat Sie so lange in Berlin gehalten?

Dass es ein interessanter Posten werden würde, war mir schon klar. Aber ich ahnte nicht, wie emotional, wie leidenschaftlich, auch wie herzlich und freundlich dieser Aufenthalt werden würde. Es war ja auch eine Expedition in ein neues, anderes Deutschland – ein wiedervereinigtes Land, mit der Hauptstadt Berlin, mit Ländern wie Thüringen, Sachsen und Brandenburg, in denen viel von der deutschen Identität entstanden ist.

Eine Vorleistung auf die Pflicht, die auf einen Botschafter in Deutschland wartet, auch für 16 Bundesländer da zu sein? Ein Preis des deutschen Föderalismus ...

Für mich war es keine unangenehme Pflicht, sondern ein Vergnügen. Ich war fast immer zwei, drei Tage pro Woche unterwegs. Auf diese Weise habe ich viele Orte in Deutschland entdeckt: Görlitz zum Beispiel, Rostock, Schwerin, Kiel, Lübeck. Wenn ich zum Beispiel nach Hannover fuhr, habe ich meinem Chauffeur gesagt: „Machen Sie einen kurzen Abstecher nach Wolfenbüttel.“

Wegen der Herzog–August–Bibliothek?

Ja, denn für mich zählen in Deutschland vor allem die Literatur und die Geschichte. Sie sehen es an meinen Bücherstapeln: Ich bin ein Büchernarr.

Angefangen hat Ihre Begegnung mit Deutschland ja auch literarisch: Ihr erster deutscher Freund, haben Sie einmal erzählt, war Emil Tischbein, die Figur aus dem Kinderbuch von Erich Kästner …

Ich war elf, als ich in einem Franziskanerkollegium in Frankreich das Buch gelesen habe. Es war meine Entdeckung Deutschlands.

Als Sie Ihr Amt angetreten hatten, haben Sie keine Residenz im Grunewald bezogen – wie andere Botschafter – , sondern sind lieber in die Jägerstraße gezogen, in das Haus, in dem vor 150 Jahren Rahel Varnhagen ihren Salon hatte.

Ich wollte wohnen, wo früher das Herz von Berlin schlug. Gegenüber wurden die Gebrüder Humboldt geboren, Mendelssohns lebten nebenan.

Neun Jahre unter Deutschen: Was ist Ihnen besonders einprägsam geblieben?

Vieles. In meinem ersten Jahr als Botschafter zum Beispiel der kalte Januarmorgen, an dem ich mit zwei deutschen Freunden im Schnee über die Ebene gewandert bin, auf der 1806 die Schlacht von Jena und Auerstedt stattfand, in der Napoleon Preußen schlug. Und mir durch den Sinn ging, welchen Weg unsere Völker seither zurückgelegt haben, und was für ein Glück wir haben, heute ausgesöhnt in Europa zu leben. Oder der Tag, wo ich in Düsseldorf zum 150. Todestag von Heinrich Heine sprechen konnte. Das hat mich sehr bewegt, denn er ist für mich nicht nur ein großer deutscher Dichter, sondern eine Brücke zwischen Deutschland und Frankreich.

Monsieur Martin, mit Verlaub, das alles klingt, als sei Ihr Deutschland noch immer das Land, das Ihre Landsmännin Madame de Stael vor bald 200 Jahren in ihrem berühmten Buch „De l’Allemagne“ beschrieben hat: das Land der Dichter und Denker, romantisch, philosophisch, tiefsinnig …

Nein. Ich bin auch kein so großer Bewunderer von Madame de Stael. Deutschland ist, finde ich, kein romantisches Land mehr wie während des 19. Jahrhunderts, wo übrigens auch Frankreich sehr romantisch war. Ich bin ein bisschen zurückhaltend mit solchen Klischees. Ich möchte lieber sagen, dass Deutschland heute eine große Zivilisation ist.

Was bedeutet das konkret?

Eine große Zivilisation ist ein Land, das in der Welt ausstrahlt. Natürlich auch durch Philosophie und Literatur, aber mehr noch durch die Lebensweise, die es praktiziert, die Demokratie, seinen Umgang mit den Problemen der Welt.

Wo bleiben die alten Unterschiede, in denen die lange komplizierte Geschichte von Deutschen und Franzosen steckt? Als Sie noch nicht lange hier waren, haben Sie einmal bekannt, wie irritiert Sie darüber waren, wenn Sie eine Absage in höfliche Worte kleiden, aber ihre deutschen Partner das als Zusage missverstehen.

Ja, die direkte Art der Deutschen macht mir immer noch Schwierigkeiten. Doch inzwischen habe ich gelernt, die deutsche Deutlichkeit auch zu schätzen. Aber wichtiger ist für mich in diesen Jahren in Deutschland etwas anderes geworden: Niemals habe ich im Umgang mit den Deutschen, mit Politikern, Unternehmern und Künstlern das Gefühl gehabt, dass ich ein Ausländer war. Ich wurde nicht nur für einen Freund gehalten, sondern für jemanden, der auch schon ein bisschen ein Stück von Deutschland war. Das ist erstaunlich.

Sie waren der erste Botschafter Frankreichs, der in Berlin residierte. Angetreten haben Sie das Amt aber in Bonn, so dass Sie die Deutschen auch beim großen Umzug im Herbst 1999 begleitet haben …

Irrtum! Frankreich hatte den Ehrgeiz, schon früher in Berlin zu sein als die deutsche Bundesregierung! Den 14. Juli, unseren Nationalfeiertag, haben wir 1999 am Gendarmenmarkt im Schauspielhaus gefeiert …

Mangel an Berichtsstoff hatten Sie während Ihrer Deutschland-Zeit wohl nie: zwei Regierungswechsel, drei Präsidenten, die Anfänge der Berliner Republik. Teilten Sie das Misstrauen gegen den Begriff ?

Ich habe die Auseinandersetzungen in Deutschland damals verfolgt: ob es eine solche Republik überhaupt geben dürfe, ob sie sich von der Bonner Republik unterscheiden werde et cetera. Inzwischen ist die Berliner Republik für mich ein Begriff geworden, den ich sehr gut verstehe. Er bezeichnet ein Deutschland, das sich bewusst geworden ist, ein großes Land zu sein, das seine Werte und seine Sicht der Welt verteidigt. Ich finde es gut, dass Deutschland heute nicht mehr sagt, dieses Problem irgendwo auf der Welt ist nicht unsere Sache, jene Krise sollen mal lieber die anderen bewältigen.

Vor ein paar Jahrzehnten wünschte man sich in Frankreich noch ein Deutschland, das stärker war als die Sowjetunion, aber schwächer als Frankreich.

Schnee von gestern. Lassen Sie mich an die Weltmeisterschaft im vergangenen Jahr erinnern, die wie kaum etwas anderes die Blicke auf Deutschland lenkte …

… und die fast direkt vor Ihrer Haustür stattfand …

Sie meinen den großen Ball, der auf dem Pariser Platz stattfand? Ja, wir haben das alles miterlebt, durchaus mit Begeisterung. Aber mir kam gerade dabei immer wieder der Unterschied zwischen Fußball und der Politik in den Sinn. Wenn im Fußball einer gewinnt, verliert der andere. Das ist traurig, aber es gibt ja wieder ein neues Spiel. In der politischen Welt von heute ist das anders: Wenn die Deutschen verlieren, verliert Frankreich auch, denn wir sind Partner. Es ärgert mich immer, wenn ich lese, wir müssen aufpassen, dass Deutsche oder Franzosen nicht zu stark werden. Es sind arme Leute, die das schreiben. Es wäre ein Selbstmord in Sätzen, Selbstmord für uns alle, wenn wir in der Vorstellung lebten, wir ständen in einem Kampf gegeneinander, während wir doch gemeinsam etwas zu leisten haben. Wenn die Konjunktur in Deutschland hinkt, haben wir bald auch in Frankreich eine Krise. So einfach ist das!

In den Jahren, in denen Sie in Deutschland lebten, gab es heftige Debatten, in denen die Deutschen mit sich und ihrer Vergangenheit rangen.

Martin Walser, Günter Grass und so …

Versteht ein Ausländer, ein Franzose, das? Oder denkt er nur: typisch deutsch?

Nun, die Deutschen mögen es, sich zu quälen. Aber ich finde, ein Freund von Deutschland vertraut darauf, dass die Deutschen sich richtig mit ihrer eigenen Geschichte befassen.

Worin ist das Vertrauen begründet?

Darin, dass Deutschland heute eine starke Demokratie ist. Ich war oft im Bundestag, habe mit Ministern und Abgeordneten gesprochen und bin in die Wahlkreise gefahren. Ich habe gesehen, wie ihre Demokratie funktioniert, Regierung und Parlament, auch der Föderalismus. Es ist vorbildlich für manche in der Welt.

Als Sie nach Berlin kamen, war Ihre Botschaft noch eine Baustelle und über das Regierungsviertel herrschten die Kräne.

Zu sehen, wie das neue Regierungsviertel entstand, das neue Berlin, eine neue Gesellschaft, anders als in Bonn – das war ein großes Erlebnis, über alle die Jahre hinweg. Nachdem wir die Botschaft am Pariser Platz bezogen hatten, hatten wir ja sozusagen einen Logenplatz, um dieses Schauspiel zu verfolgen. Aus unserem Salon ging der Blick direkt auf die Landesvertretungen und den Potsdamer Platz. Übrigens war es eine harte Aufgabe, bei den Berliner Behörden den Bau der Botschaft durchzusetzen. Man hätte lieber eine historische Rekonstruktion gehabt, so wie das Adlon gegenüber. Aber wir wollten einen Neubau.

Der hat Ihnen auch massive Kritik eingebracht. Ein Politiker nannte den Bau des Architekten Christian de Portzamparc das hässlichste Haus in Berlin.

Ich bin sicher, in zehn Jahren werden die Berliner das Haus mögen.

Ist Ihnen das neue Berlin zu historisch geraten?

Im Gegenteil, es ist ein Beispiel, wie man mit seiner Geschichte lebt. Besonders eindrucksvoll dafür ist das Finanzministerium. Man sieht dem Haus das Dritte Reich und seine Rolle in der DDR an, aber man hat dem Bau sehr geschickt und konsequent eine neue Berufung gegeben.

Hat Sie der merkwürdige Streit noch erreicht, den es um Hauptstadt und Umzug in Deutschland gab?

Aber ja! Meine damaligen Nachbarn in Kreuzberg waren ganz Skepsis: Die Bonner kommen, die Mieten werden teurer, es gibt, keine Parkplätze mehr … Der Begeisterte war ich, der Franzose! Aber dass Berlin Hauptstadt geworden ist, finde ich gut für Deutschland, aber auch für Europa.

Aber selbst heute ist es noch die Frage, ob die Bundesrepublik, also nicht zuletzt die Bundesländer, diese neue Hauptstadt wirklich angenommen hat. Man erkennt es am Streit um die Hauptstadt-Finanzierung.

Sie haben ein solch großes Angebot in Berlin, was die Kultur betrifft! Drei Opernhäuser, dazu die Theater, die Museen! Ich finde es selbstverständlich, dass der Staat da mithelfen muss. Ein Land muss für seine Hauptstadt bezahlen.

In Frankreich vielleicht, in Deutschland versteht sich das nicht von selbst.

Ich kenne die deutsche Situation. Doch wenn Sie mich fragen, wie ich als Franzose reagiere, dann finde ich, dass es normal ist, sich eine schöne Hauptstadt zu leisten. Und alle Deutschen müssten stolz darauf sein, dass sie solch eine Hauptstadt haben.

Es gibt ein erstaunliches Interesse unter den jungen Leuten im Ausland für Berlin, gerade in Frankreich. Was suchen die jungen Franzosen hier? Gemessen an Paris ist Berlin doch immer noch städtisches Entwicklungsland.

Es ist das Abenteuer, das Berlin verspricht. Alle diese jungen Franzosen, die studieren oder kleine Geschäfte aufmachen, finden, dass die Stadt aufregend ist, gerade weil sie unfertig und noch im Werden ist. Berlin ist mehr als eine Mode. Von Frankreich aus ist Berlin die neue Grenze Europas; mehr noch, es ist das Fenster, das sich in Richtung Osteuropa öffnet. Und das ist selbst bis zu den Parisern vorgedrungen.

Das Gespräch führte

Hermann Rudolph.

Das Foto machte Laurence Chaperon.



DER AUSDAUERNDE

Claude Martin (63) war seit 1999 französischer Botschafter in Deutschland. So lange wie er amtierte keiner seiner Kollegen. Nun kehrt er nach Paris zurück.


DER ASIENKENNER

Vor seiner Berliner Zeit richtete sich sein Interesse vor allem auf China. Martin, der mit einer Chinesin verheiratet ist, war auch Botschafter in Peking.


DER BÜCHERNARR

Martins Leidenschaft gilt der Literatur und Geschichte. In einer Scheune in der Auvergne, von wo er stammt, sammelt er Bücher. Fast mit gleicher Passion unternimmt er Radtouren.

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