Politik : Zur Person von Wolfgang Ullmann, Mitinitiator des Runden Tisches

Robert Ide

Schon als Student war Wolfgang Ullmann ein Verfechter der einen Nation. Während seines Theologiestudiums in Göttingen zwischen 1950 und 1954 opponierte der heute 70-Jährige gegen die Westintegration Adenauers und kämpfte in der Gesamtdeutschen Volkspartei für die deutsche Einheit. Nach dieser Auseinandersetzung, die ihn nach eigener Aussage zu einem "politisch denkenden Menschen" gemacht hatte, ging Ullmann in die DDR. Er engagierte sich als sächsischer Dorfpfarrer und Dozent für Kirchengeschichte, bevor er Ende der siebziger Jahre nach Ost-Berlin umzog. Dort tauchte er mehr und mehr in die oppositionelle Friedensbewegung ein. Im September 1989 war Ullmann Mitbegründer der Gruppe "Demokratie Jetzt!", die in ihren theoretischen Schriften für eine "neue Einheit des deutschen Volkes in der Hausgemeinschaft der europäischen Völker" plädierte.

Die Verbindung von demokratischen Freiheitswerten mit teilweise sozialistischen Ideen setzte sich am Zentralen Runden Tisch fort, den Ullmann wesentlich mitinitiierte. Dass er plötzlich in einer von Hans Modrow geführten "Regierung der nationalen Verantwortung" saß, empfand der Bürgerrechtler als "absurde Geschichte". Ullmann war einer von acht Vertretern der Gruppen und Parteien vom Runden Tisch und hatte einen Ministerposten ohne Geschäftsbereich inne. Immerhin sei es aber auf diese Weise gelungen, das MfS aufzulösen und einen Verfassungsentwurf zu entwickeln, sagt er.

Nach dem Vollzug der deutschen Einheit plädierte der Bundestagsabgeordnete für ein Zusammengehen von "Bündnis 90" und Grünen zu einer Partei. Für die vereinigte Fraktion zog der Mitherausgeber der linken Wochenzeitung "Freitag" 1994 ins Europaparlament ein. Ullmanns Einsatz für eine einheitliche Nation in der Mitte Europas wurde damit von Erfolg gekrönt. Sein Traum von einer neuen deutschen Verfassung blieb allerdings unerfüllt. Im März diesen Jahres verabschiedete Ullmann sich auf dem Grünen-Parteitag von der Politik.

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