Politik : Zurück in die Welt

Nordzypern kommt zwar nicht in die EU – doch das Ende der Sanktionen würde Handel und Reisen ermöglichen

Susanne Güsten[Istanbul]

Frisch gepressten Orangensaft gibt es in Nordzypern an jeder Ecke. Die Zyperntürken müssen die Früchte der ausgedehnten Zitrusplantagen auf ihrem nördlichen Inseldrittel selbst verbrauchen, denn exportieren dürfen sie seit vielen Jahren nur noch in die Türkei – und die hat selbst genug Orangen.

Menschenleer sind die kilometerlangen Strände des Inselnordens, während die Touristen jenseits der Grenze in der zyperngriechischen Republik in Bettenburgen gestapelt werden müssen. Wenn die Europäische Union und die USA nun wie angekündigt ihre Sanktionen gegen Nordzypern aufheben, um die Zyperntürken für das Nein der griechischen Bevölkerung zur Wiedervereinigung zu entschädigen, dann bedeutet das nicht nur einen wirtschaftlichen Aufschwung für die bitterarmen Inseltürken. Mit der Aufnahme von Flugverbindungen und Handelsbeziehungen taucht dann ein fast vergessenes Fleckchen von Europa wieder aus dem Mittelmeer auf.

Ein verschlafenes Provinzflughäfchen ist der Ercan-Airport von Nordzypern, auf dem selbst in der Hochsaison täglich nur ein halbes Dutzend Maschinen aus Istanbul und Ankara landeten; wegen seiner Baufälligkeit wird das bisschen Flugbetrieb derzeit vollständig über eine militärische Flugpiste in Gecitkale abgewickelt. Weder in Ercan noch in Gecitkale sind jemals Linienflüge der internationalen Fluggesellschaften gelandet, denn die Flughäfen wurden erst nach der Teilung der Insel durch den türkischen Truppeneinmarsch von 1974 gebaut, der zur internationalen Ächtung des Nordteils führte. Sollten europäische und amerikanische Airlines nun tatsächlich bald den Flugbetrieb nach Nordzypern aufnehmen, würde das für die Zyperntürken den Wiederanschluss an die Welt bedeuten.

Weil die „Türkische Republik Nordzypern“ weltweit von keinem Staat außer der Türkei anerkannt wird, haben ihre Einwohner international Geisterstatus. Reisen können sie mit ihren Pässen nicht, weil diese nirgends akzeptiert werden. Selbst ihr Regierungschef Mehmet Ali Talat musste sich türkische Papiere besorgen, als er zu Gesprächen mit EU-Politikern nach Brüssel reisen wollte. Sportlich dürfen die Nordzyprer in keiner Liga auf der Welt mitspielen – seit einer Intervention internationaler Sportverbände nicht einmal mehr in der türkischen Fußballliga. Selbst postalisch gibt es Nordzypern nicht: Briefe aus aller Welt erreichen die nordzyprischen Einwohner nur über ein Postfach in einer türkischen Hafenstadt: „Mersin 10“ lautet das Codewort für Nordzypern auf dem Briefumschlag.

Mindestens so schwer wie diese Ächtung lasten freilich die wirtschaftlichen Folgen der Handelssanktionen auf den Zyperntürken. Weil nur die abenteuerlustigsten Touristen auf dem Umweg über die Türkei ihre Strände erreichen können und niemand ihre Orangen kauft, liegt ihr Bruttoinlandsprodukt unter 5000 Euro pro Kopf und Jahr. Das Hilfspaket von knapp 260 Millionen Euro, über das die EU in dieser Woche entscheiden will, übersteigt das gesamte Jahreseinkommen der Nordzyprer aus dem Tourismus, der mit 190 Millionen Euro im vergangenen Jahr noch immer die größte Einnahmequelle war. Weil die „Türkische Republik Nordzypern“ auch weiterhin nicht völkerrechtlich anerkannt wird, sind in Brüssel noch rechtliche Probleme zu lösen, um Hilfen und Handelsaufnahme zu ermöglichen. Experten verweisen auf das Vorbild von Taiwan, das auch ohne internationale Anerkennung einen blühenden Handel treibt.

Aber auch für die griechischen Zyprer, die nun allein der EU beitreten, bleibt die Abstimmung vom Wochenende nicht ohne Folgen. Der griechisch-zyprische Außenminister Giorgos Iakovou beklagte am Rande des EU-Außenministertreffens in Luxemburg, jetzt seien schon die Folgen der Entscheidung seiner Landsleute gegen die Wiedervereinigung zu spüren. „Es ist beunruhigend. Alle schweigen hier. Selbst die, die als unsere Freunde galten, halten jetzt ihre Karten bedeckt“, sagte Iakovou dem zyprischen Rundfunk.

» Gratis: Tagesspiegel + E-Magazin "Wahl 2017"

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben