Zurück in Frankreich : Betancourt: Es war grauenhafte Gewalt

Als am Freitagnachmittag nach der Landung in der Nähe von Paris eine Sondermaschine der französischen Regierung verließ, strahlte sie glücklich. Die Politikerin braucht noch Zeit, um ihre Geiselhaft zu verarbeiten - sie musste drei Jahre lang Ketten tragen.

Hans-Hagen Bremer[Paris]
Betancourt in Frankreich eingetroffen
Auf französischem Boden. Präsident Nicolas Sarkozy nimmt die ehemalige Geisel Ingrid Betancourt nach ihrer Ankunft in den Arm. -Foto: dpa

Nach ihrer Ankunft in Frankreich sagte die franko-kolumbianische Politikerin, „Fast sieben Jahre habe ich von diesem Moment geträumt. Ich danke Ihnen allen“. Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy und seine Frau Carla begrüßten die 46-Jährige, die am Mittwoch aus der Geiselhaft der kolumbianischen Farc-Rebellen freigekommen war.

Frankreich habe alles getan, um ihre Freilassung zu erreichen, erklärte Betancourt nach ihrer Ankunft in ihrer zweiten Heimat. Dann griff sie nach der Hand Sarkozys: „Ich bin glücklich, die Luft Frankreichs mit Ihnen zu atmen.“ An die Begrüßung auf dem Flughafen schlossen sich Empfänge im Elysée-Palast sowie im Pariser Rathaus an.

Selten ist die Rückkehr einer Geisel in der Öffentlichkeit mit so viel Erleichterung aufgenommen worden wie im Fall Betancourts. Als sie im Februar 2002 von Farc-Rebellen verschleppt wurde, war sie in Frankreich kaum bekannt. Erst am Freitag, zwei Tage nach ihrer Befreiung durch die kolumbianische Armee, konnten sich die Franzosen, die die Direktübertragung ihres Empfangs im Fernsehen verfolgten, einen Eindruck von der „berühmtesten Geisel der Welt“ machen – ihrer Persönlichkeit und ihrer Kraft, auch schwierige Situation zu überleben. „Im Dschungel habe ich oft geweint“, sagte sie, „heute weine ich vor Freude.“ In der kommenden Woche wird sie auch von Papst Benedikt XVI. empfangen. „Ich würde gerne Lourdes besuchen“, erklärte sie. Ihre Gebete hätten geholfen, die Geiselhaft zu überstehen.

Das Grauen, das sie während ihrer Geiselhaft durchgemacht hat, hatte Betancourt in einem am Freitag vom Sender Europe 1 ausgestrahlten Interview geschildert. Drei Jahre lang habe sie rund um die Uhr Ketten tragen müssen. Sie sei gefoltert und erniedrigt worden. Was ihr angetan wurde, sei so grauenhaft gewesen, dass es, so glaube sie, selbst ihren Folterknechten zuwider gewesen sei. Oft habe sie an Selbstmord gedacht, aber der Glaube an Gott habe sie davor bewahrt. Als sie im Hubschrauber der kolumbianischen Armee aus dem Dschungellager ausgeflogen wurde, habe sie sich gesagt, dass „diese schmutzigen Einzelheiten“ niemals bekannt werden dürften. Im Interview mit dem Fernsehsender France 2 sagte sie, sie würde „kein Tier so behandeln“, wie es ihr widerfahren sei.

Der kubanische Revolutionsführer Fidel Castro verurteilte die Geiselnahmen durch die Farc. Zivilisten hätten niemals entführt und Soldaten nicht im Dschungel als Gefangene gehalten werden sollen, erklärte der langjährige Staats- und Parteichef der kommunistisch regierten Karibikinsel.

Betancourt war mit 14 weiteren Geiseln von einer Sondereinheit der kolumbianischen Armee befreit worden. Die ehemalige kolumbianische Präsidentschaftskandidatin der Grünen, die in Frankreich aufwuchs und studierte, besitzt durch Heirat mit einem Franzosen, dem Vater ihrer beiden Kinder, neben der kolumbianischen auch die französische Staatsbürgerschaft. Bei einer Pressekonferenz appellierte sie nach ihrer Befreiung in Bogotá an die Farc, auch die übrigen Geiseln freizulassen. Nach inoffiziellen Angaben werden noch 700 Personen gefangengehalten. Mit einer Freilassungsaktion, so Betancourt, könne die Guerillaorganisation den Weg zu einem Frieden in Kolumbien bereiten.

Unterdessen mehrten sich die Zweifel an der offiziellen Darstellung des Ablaufs der Befreiung durch die kolumbianische Regierung. Der Schweizer Radiosender RSR meldete am Freitag, den Farc-Rebellen seien für die Freilassung 20 Millionen US-Dollar gezahlt und die ganze Aktion lediglich inszeniert worden. Hinter dem Freikauf steckten dem Bericht zufolge die USA. Der Sender berief sich dabei auf eine „glaubhafte und in den vergangenen Jahren mehrfach erprobte Quelle“. Während die Regierungen Frankreichs und Kolumbiens den Bericht dementierten, wurde die Darstellung von Pariser Geheimdienstexperten nicht als unwahrscheinlich zurückgewiesen.

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