Politik : Zurück nach Gütersloh

BERTELSMANNS ZUKUNFT

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Von Ursula Weidenfeld

Wenn sich Medienleute von Bertelsmann und von anderen Verlagen kennen lernen, dann werden die Bertelsmann-Leute als Erstes gefragt: Und, wie lebt es sich so in Gütersloh? Ein paar Bertelsmann-Manager beginnen dann, das Leben auf dem Land zu preisen, die gute Luft und die Tatsache, dass die Kinder in den Schulen rund um Gütersloh nicht so oft verhauen werden, wie Kinder im Großstadtdschungel. Andere Manager loben an Gütersloh die Verkehrsverbindungen: Man könne dort gut leben – weil man schnell wegkommt.

Die Verständigung zwischen den Einen und den Anderen, den Nestflüchtern und den Nesthockern im größten Medienunternehmen Deutschlands ist schwieriger geworden in den letzten Jahren. Bis sie vor ein paar Wochen ganz aufhörte. Einen gemeinsamen Weg und eine gemeinsame Haltung zur Konzernzentrale haben beide Gruppen nie gefunden. Nur fiel das erst auf, als der Medienboom zusammenbrach. Als die, die von Gütersloh aus die Medienwelt erobern wollten, noch einmal mehr Tempo forderten. Als Thomas Middelhoff von seinen Mitarbeitern und Managern das Durchstarten ins Übermorgen verlangte. In einem Moment, als bei denen gerade die Überzeugung wuchs, dass das Gestern einfach besser war.

Das haben die Langsamen, die Anderen bei Bertelsmann gemeinsam mit den Anderen bei der Telekom. Oder den Anderen bei DaimlerChrysler, der Deutschen Bank. Denen, die fürchten, im radikalen Umbauprozess der Unternehmen die Verlierer zu sein. Diejenigen, die verkauft werden, die über Nacht nicht mehr zum Kerngeschäft gehören. Es ist ihnen unheimlich geworden, von Managern regiert zu werden, denen es egal ist, ob sie in Gütersloh oder in New York leben. Von Führungskräften, die alle dieselbe Sorte weißer Hemden mit Manschettenknöpfen tragen, die dieselbe Art haben, ihre Krawattenknoten festzuzurren. Die schlechte Nachrichten mit den von demselben Computerprogramm gebauten Tabellen und Kurven präsentieren. Die so aussehen, als seien sie geklont. Die heute Bertelsmann führen können. Morgen vielleicht die Telekom. Oder AOL? Manager, deren Stärken in dem Augenblick zu Schwächen werden, in dem die Wachstumsgeschwindigkeit nachlässt.

Die Anderen haben fürs Erste gewonnen bei Bertelsmann. Sie eroberten das Vertrauen des Firmenpatriarchen Reinhard Mohn und seiner Frau Liz zurück. Sie haben die Furcht des alten Herrn geschürt, dass mit dem Börsengang erst recht alles noch anders und noch schneller werde in Gütersloh, ja, dass Gütersloh nicht mehr in Ostwestfalen wäre, sondern vielleicht ganz woanders, zum Beispiel in New York. Nun haben wieder die Älteren, die Bedächtigen Konjunktur. Sie sollen die Unternehmen durch die Krise führen und Tempo herausnehmen. Bis die Zeiten wieder besser werden.

Ist das falsch? Wahrscheinlich nicht. Und doch wird es ein Zurück zum Gestern nicht geben. Weder bei der Telekom noch bei Bertelsmann. Auch wenn sich das Internet und E-Business nicht so schnell und so erfolgreich entwickelt haben, wie das Thomas Middelhoff angenommen hat. Auch wenn Mätzchen wie der Erwerb der Internet-Musiktauschbörse Napster floppten. Bertelsmann wird nie wieder zu dem Unternehmen werden, das es war, als Middelhoff 1998 die Führung übernahm.

Denn nicht nur Bertelsmann ist anders und schneller geworden in den vier Jahren der Ägide Middelhoff. Auch die Medienwelt ist anders und schneller geworden. Selbst wenn sich ein Teil dieses Tempos nun als Illusion entlarvt hat: Die Veränderung ist fundamental und ihre Kräfte werden weiter wirken. Thomas Middelhoff hat Bertelsmann gelehrt, dass die Globalisierung vor Gütersloh nicht Halt macht. Und dass man nur dann eine Zukunft in Gütersloh hat, wenn man das erkennt.

Es sei nicht mehr so, dass die Großen die Kleinen schlucken, hat Middelhoff gesagt. Sondern so, dass die Schnellen die Langsamen fressen. Thomas Middelhoff wurde am Sonntag von den Langsamen gefeuert. Das kann man eine ironische Pointe nennen. Der Schluss-Gag ist es nicht. Denn in absehbarer Zeit wird man sich in Gütersloh wieder nach einem Middelhoff umsehen müssen. Dann vielleicht nach einem mit etwas bescheideneren Krawatten.

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