Politik : Zurück statt vorwärts

Viele Staaten haben Probleme, die Milleniumsziele zu erreichen. Zum Beispiel sind 96 Millionen Lateinamerikaner extrem arm

Michael Schmidt[Berlin],Sandra Weiss[Montevid]

Zum Beispiel Lateinamerika. Einige Staaten Zentral- und Südamerikas haben zwar in der Armutsbekämpfung seit dem Jahrtausendgipfel von New York im September 2000 erhebliche Fortschritte gemacht. Aber insgesamt sei der Subkontinent noch weit von der Überwindung der Armut entfernt, schreibt die UN-Wirtschaftskommission für Lateinamerika (Cepal) in einer Bestandsaufnahme für den aktuellen Bilanzgipfel fünf Jahre nach dem Treffen.

Richtig ist: Die Situation in Schwarzafrika ist ungleich schlimmer. Doch nach wie vor haben auch 222 Millionen Latinos nicht genügend zu essen. Das sind etwas weniger als die Hälfte der Bewohner des Subkontinents (42,9 Prozent) – und deutlich mehr als im Jahr 2000. Damals belief sich die Zahl der Armen auf 207 Millionen (42,5 Prozent). Selbst im Boomjahr 2004, als die Volkswirtschaften Lateinamerikas im Durchschnitt um 5,6 Prozent wachsen konnten, schafften nur vier Millionen Menschen den Schritt aus der Armut. Für dieses Jahr sagen die UN Lateinamerika ein durchschnittliches Wachstum von 4,25 Prozent voraus. Doch wirtschaftliches Wachstum allein reicht offenbar nicht aus, um der Armut beizukommen. Im Gegenteil: „Die Strukturreformen der 80er und 90er Jahre haben die soziale Kluft vertieft“, stellte das UN-Programm für Entwicklung (UNDP) kürzlich fest. Die Zahl der extrem Armen, die mit weniger als einem Dollar pro Tag auskommen müssen, hat sich sogar noch um drei Millionen auf 96 Millionen erhöht.

Cepal stellt eine Zweiklassengesellschaft in Lateinamerika fest. Chile habe als einziges Land die extreme Armut um die Hälfte reduzieren können. Brasilien, Costa Rica, Mexiko, Panama und Uruguay hätten Chancen, die Vorgaben des Jahrtausendgipfels zu erfüllen. Von Staaten wie Bolivien, Guatemala, Guyana, Haiti, Honduras, Nicaragua, Paraguay und Surinam aber fordert die UN-Kommission, mehr Geld in die soziale Entwicklung zu stecken. Tatsächlich gelang es mit Sozialhilfeprogrammen wie den „planes jefe de hogar“ in Argentinien oder „Fome zero“ in Brasilien, den Hunger erfolgreich zu bekämpfen: So konnte in 14 Ländern die Unterernährung verringert werden, nur in dreien verschlechterte sich die Ernährungslage. Dank einer besseren Gesundheitsversorgung ist die Sterblichkeit von unter fünfjährigen Kinder signifikant gesunken von 56 auf 33 pro 1000 Lebendgeburten.

Cepal geht zudem davon aus, dass es keinem Land gelingen wird, bis 2015 alle Kinder auf die Grundschule zu schicken. Auch dann noch würden sechs Prozent der lateinamerikanischen Kinder keinen Zugang zu Bildung – Voraussetzung für jede Armutsbekämpfung – haben. Immerhin stellt der Report befriedigt fest, dass anders als in anderen Entwicklungsländern, Mädchen beim Schulbesuch keine besonderen Benachteiligungen erfahren. Es gehen sogar mehr Mädchen als Jungen auf die höhere Schule und mehr Frauen als Männer auf Hochschulen – selbst in ärmeren Ländern wie El Salvador oder Honduras. Bei der Bezahlung im Arbeitsleben aber sei festzustellen, dass Frauen bis zu 40 Prozent weniger als Männer verdienten. Zudem seien Frauen häufiger mit Armut konfrontiert und würden in den Parlamenten weniger repräsentiert.

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