Politik : Zurück zu den Aktien?

DIE ERHOLUNG DER BÖRSE

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Von Henrik Mortsiefer

Zu viel Optimismus ist verdächtig – vor allem im Januar. Obwohl 2004 noch jung ist, glaubt die Mehrzahl der Börsianer, dass es ein gutes Aktienjahr wird. Der Januar, sagen Banker, Analysten und Vermögensberater, färbe ab auf den Rest des Jahres. Läuft es am Anfang gut – so wie im Moment –, dann stehen den Anlegern ertragreiche Monate bevor. Die Investoren legen frisches Geld an, die Unternehmen schmieden Börsenpläne, der Markt läuft sich warm.

Dieser verführerischen These würden jene Zauderer, die den Dax-Anstieg im vergangenen Jahr verpasst haben, gerne zustimmen. Was derlei Optimismus aber verdächtig macht, ist die Tatsache, dass er fast jedes Jahr im Januar auftritt – auch in den Jahren 2000, 2001 und 2002. Und bekanntlich stiegen damals die Kurse nicht, sondern sie stürzten im Jahresverlauf ab und rissen Milliardenvermögen mit zu Boden. Verloren ging dabei nicht nur Geld, sondern auch viel Vertrauen. Kleinanleger, die sich bis dato mit ihren Sparbüchern begnügt hatten, wurden von den Euphorieausbrüchen und falschen Propheten des Neuen Marktes zuerst verführt – und dann von der kollabierenden New Economy traumatisiert. Warum sollte der Januar-Optimismus 2004 halten, was er verspricht?

Börsenregeln sind keine Naturgesetze. Sie taugen bestenfalls als Faustregeln auf den unübersichtlichen Finanzmärkten. An der Börse ist alles möglich – auch das Gegenteil, bemerkte Börsenkenner André Kostolany lakonisch. Schön gesagt. Doch wer sein Geld auf Wertpapiere setzt, will genauer wissen, ob am Ende etwas daraus wird. Und in der Tat gibt es trotz der verdächtig guten Laune einige Gründe, warum man viel von diesem Börsenjahr erwarten kann. Da ist erstens die berechtigte Hoffnung, dass sich die US-Wirtschaft, der Euroraum und Asien von der Konjunkturkrise erholt haben und wachsen werden. Die Unternehmen machen wieder Gewinne und haben Geld für Investitionen übrig. Die Nachfrage – hierzulande vor allem aus dem Ausland – belebt sich und wird auch vom teuren Euro bisher kaum gebremst. Preise und Zinsen werden stabil bleiben oder sinken. Die private Nachfrage wird aus dem Dämmerschlaf erwachen, wenn die Verbraucher feststellen, dass sie nach der Steuerreform mehr Geld behalten.

Zweitens zeigt sich an der Struktur des Kursanstiegs im vergangenen Jahr, dass viele traditionelle Branchen noch Nachholbedarf haben. Vor allem die Schwergewichte im Dax sind noch nicht so hoch geklettert wie die kleineren Technologieaktien. Letztere sind dem Aufschwung vorausgelaufen und häufig schon zu teuer. Bei den deutschen Blue Chips aber geht noch was. 4300 Dax-Punkte erwartet die Mehrheit der Auguren am Jahresende – das wäre gemessen am heutigen Stand eine Rendite von 7,5 Prozent.

Und drittens spricht die Börsenmathematik, die bei professionellen Anlegern immer mehr Beachtung findet, für eine nachhaltige Erholung des Dax. In den Worten der Chart-Techniker: Der Index, der die 30 größten börsennotierten Unternehmen in Deutschland zusammenfasst, hat zur Jahreswende seinen seit Frühjahr 2000 anhaltenden Abwärtstrend beendet. Jetzt sendet er ein deutliches Signal aus, dass es – mit kurzfristigen Korrekturen – langfristig aufwärts gehen kann.

Wohlgemerkt, es kann. Wie bei allen Prognosen, sind auch diese Börsenaussichten Annahmen und keine Gewissheiten. Aber immerhin steigt seit Monaten die Wahrscheinlichkeit, dass die Gründe für ein gutes Aktienjahr nicht aus der Luft gegriffen sind. Kaum ein Frühindikator, der zuletzt nicht eine Erholung angezeigt hätte. Wer mit seinem Geld darauf wetten will (und kann) und das Risiko verkraftet, dass es doch anders kommt, sollte also nicht zögern.

Anders als der Optimismus jetzt suggeriert, sind Aktien allerdings immer noch nichts für jedermann. Aktien- und Fondsbesitzer sind in Deutschland eine stabile Minderheit. Die aber scheint inzwischen zu verstehen, wie die Börse tickt. An den Finanzmärkten spielen Emotionen manchmal eine größere Rolle als die rationale Logik der Ökonomie. Ein Börsen- Bonmot besagt, dass es viele Wege gibt, sich kennen zu lernen – derjenige über die Börse sei mit Abstand der teuerste. 2004 verspricht in Sachen Selbsterkenntnis ein preiswertes Jahr zu werden.

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