Zurückgeschrieben : Wahl in den USA – warum soll das die Deutschen interessieren?

Tagesspiegel-Leser Thomas Großkortenhaus sagt, der US-Wahlkampf wird von den deutschen Medien zu wichtig genommen. Tagesspiegel-Chefredakteur Stephan-Andreas Casdorff meint: Amerika muss uns interessieren!

Zur Berichterstattung über die Präsidentschaftswahl in den USA



Anfang des Jahres habe ich im Tagesspiegel zum ersten Mal einen Bericht gelesen, in dem von der Präsidentschaftswahl in den Vereinigten Staaten die Rede ist. Hillary Clinton tritt gegen ihren Herausforderer Barack Obama an. In den darauffolgenden Tagen überschlugen sich förmlich die Meldungen. „Clinton liegt vorn, … Obama holt auf, … Clinton fällt zurück, … Obama fällt zurück. Nicht ein Tag verging, ohne dass über dieses weltbewegende Ereignis berichtet wurde, und immer in großer Aufmachung.

Wenn in Deutschland zum Beispiel die CDU zwei Präsidentschaftskandidaten aufstellen würde und eine Wahl stattfände, wo ermittelt werden soll, wer von den beiden ins Rennen geschickt wird, dann ist das öffentliche Interesse an dieser Stichwahl in Deutschland kaum erwähnenswert. Man stelle sich vor, in Amerika würde ein Journalist seiner Zeitung den Vorschlag unterbreiten, einen großen Artikel auf die Titelseite der „New York Times“ zu bringen, in dem ausführlich über die German Stichwahl eines Präsidentschaftskandidaten berichtet wird. Das Gelächter wäre über den großen Teich hinweg bis nach good old Germany zu hören.

Wir Deutschen sind da anders. Wir interessieren uns. Für alles. Inzwischen sind zehn Monate vergangen, wo in den Zeitungen kein einziger Tag verging, an dem nicht über die amerikanischen Präsidentschaftskandidaten berichtet wurde und wird. Gibt es gerade mal nichts halbwegs Interessantes von den Kandidaten zu berichten, dann schreibt man eben etwas über die voraussichtlichen Vizepräsidentschaftskandidaten, und wenn auch die für keine Schlagzeile gut sind, dann berichtet man eben wie geschehen über irgendwelche Doppelgänger von Vizepräsidentschaftskandidaten, die in irgendeiner Talkshow aufgetreten sind. Ja geht’s noch?

Sind denn die verantwortlichen Redakteure der großen Zeitungen in Deutschland tatsächlich der Meinung, dass wir Deutschen diese Schlagzeilen Tag für Tag förmlich in uns aufsaugen, dass wir gar nicht mehr genug davon bekommen können?

Thomas Großkortenhaus, Berlin-Lichterfelde

Sehr geehrter Herr Großkortenhaus,

es ist wenig bekannt, warum Alexis de Tocquevilles 1831 in die Vereinigten Staaten reiste. Bekannt ist sein damals entstandenes Werk „Über die Demokratie in Amerika“. So wie ihn die Neugier trieb, das Neue, das dort zu Hause ist, kennenzulernen, so treibt sie uns noch heute. Denn seien wir ehrlich: Wir sind den USA, historisch wie gegenwärtig, aufs engste verbunden. Gegenwärtig zeigt das die Finanzkrise. Historisch ist belegt, dass es ohne sie, die USA, unsere Demokratie nicht gäbe. Damit ist nicht allein der Blutzoll des amerikanischen Volkes für die Befreiung der Welt von den Nazis gemeint. Sie waren mehr: unsere moralische Besserungsanstalt. Die USA haben uns Anschauung vermittelt, mit ihrer Befähigung, nach vorne zu schauen, Optimismus zu verbreiten. Das soll uns nicht interessieren? Das muss uns interessieren! Auch weil wir noch immer lernen können; zum Beispiel eine Leichtigkeit, die nicht mit leichten Gedanken zu verwechseln ist.

„E Pluribus Unum“, das aus dem vielen geschaffene eine, dieser Spruch auf dem Siegel des Präsidenten, ist nach wie vor ihr Anspruch. Auch, aber nicht nur politisch. Unser Leben ist so sehr amerikanisiert, dass wir ohne Amerikanismen bald gar nicht mehr auskämen. Allein die vielen (treffenden) Worte, die wir verwenden, die im „Job“ zum Beispiel. Und das nicht zu vergessen: diese Weite, noch immer. Eine Weite im Land wie im Denken zeichnet die Vereinigten Staaten aus. So viele Nobelpreisträger mit Entdeckungen, die uns weitergebracht haben, dazu große Literatur, die sich immer wieder selbst neu erfindet – bewundernswert. Übrigens auch das haben die Amerikaner uns voraus: vorurteilsfrei bewundern zu können. Von den USA lernen heißt hier, von Herzen gönnen zu können.

Nun wählt das Land sich frei, nach acht Jahren, die Abertausende Amerikaliebhaber hierzulande so gequält haben. Es gab aber wenig Antiamerikanismus, dafür gibt es jetzt umso mehr Antibushismus. George Walker Bush, er wird wohl einst auf einer Stufe stehen mit dem bisher schlechtesten Präsidenten, mit James Buchanan, der das Land in den Bürgerkrieg stürzte. Bush ist der Mann, der die letzte verbliebene Supermacht Amerika nicht verdient hatte und den Amerika nicht verdient hatte. Fast hat er es ruiniert. 9492 Milliarden Dollar Staatsschulden! Kriege! Rechtsbrüche! Dieser Mangel an Moral von einem, der auszog, die Welt nach einem sehr eigenen Bilde zu missionieren. Nicht, sie dermaßen zu desillusionieren. Das alles hat sich ausgewirkt auf die Welt, auf good old Europe, jeden Tag. Hat hineingewirkt in beinahe jedes Gespräch, politisch oder privat. Das soll uns nicht interessieren? Das muss es. Das wird es! Denn wer auch gewählt wird: „Change“ ist die Folge. Und die Hoffnung.

Mit herzlichen Grüßen!

Stephan-Andreas Casdorff, Chefredakteur

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