Politik : Zuständig fürs Funktionieren

Nadin Chucher leitet eine Bankfiliale. Sie hätte nie gedacht, dass man in Teilzeit eine gute Chefin sein kann. Jetzt ist sie so viel mehr als das.

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Nadin Chucher arbeitet maximal 30 Stunden die Woche. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
Nadin Chucher arbeitet maximal 30 Stunden die Woche. Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Artur rülpst. Kurzes Schweigen am großen Konferenztisch. Dann lacht Nadin Chucher, klopft ihrem Sohn auf den Rücken und setzt noch mal neu an: „Vielen Dank, wir werden uns bald bei Ihnen melden und sagen, wie wir uns entschieden haben.“ Die drei Mitarbeiter der Werbeagentur nicken und packen ihre Unterlagen in die Aktentaschen. Das Meeting mit der Filialleiterin der Deutschen Bank ist beendet. Ledersessel werden zurückgeschoben, Menschen in Anzügen schütteln sich die Hände. Artur schaut zu und lutscht am Daumen seiner Mutter.

Eigentlich sollte Artur, gute viereinhalb Monate alt, heute nicht hier sein, sondern bei seiner Tagesmutter. Doch die hat Bronchitis. „Die Wahl war also nur, bleibe ich zu Hause oder nehme ich den Kleinen mit“, sagt Chucher, als sie wieder in ihr Büro zurückgekehrt ist, das eine Glaswand von den übrigen Mitarbeiterplätzen trennt. „Aber zu Hause bleiben ist für mich eigentlich keine wirkliche Alternative, zumal es dem Kleinen gut geht.“ Also steht das Reisebett neben dem Schreibtisch, der Kinderwagen mit frischen Windeln und Babynahrung in der Ecke. Während sie ihre Wochenorganisation erklärt – Koordination ist alles –, kniet die 33-Jährige im schwarzen Kleid und Perlenkette auf dem Boden und streichelt Arturs Bauch. Seit Juli leitet Nadin Chucher die Filiale in der Berliner Friedrichstraße, da war ihr Sohn zwei Monate alt. Teilzeit, maximal 30 Stunden pro Woche, so viel ist trotz Elternzeit erlaubt.

Ihre Arbeit ist ihr wichtig, füllt sie aus, sagt die gebürtige Berlinerin. Sie hat schon ihre Ausbildung bei der Deutschen Bank gemacht, arbeitete als Beraterin und dann als Filialleiterin in Halensee und Bellevue. Ihr Mann ist in einem anderen Unternehmen im Vertrieb beschäftigt und „liebt seinen Job genauso“. Seit 17 Jahren ein Paar, seit sieben Jahren verheiratet, war ihnen klar: Sie wollen beides. Ein Kind und die Arbeit. „Und unser Kind soll Teil unseres Lebens sein, so wie wir es leben“, sagt sie. Andere hätten andere Lebenskonzepte, das sei auch völlig in Ordnung so. „Aber mein Kind spürt eben auch, wenn es seiner Mama gut geht“, sagt sie und drückt Artur einen dicken Kuss auf die Wange. Und die Mama bekam hochschwanger die Leitung der Filiale in Mitte angeboten, das Einstellungsgespräch erfolgte per Videokonferenz, weil die Wehen jederzeit hätten einsetzen können. Die Bank entschied sich also bewusst für die junge Mutter. Ihr Bauch sei wirklich nicht zu übersehen gewesen, sagt Chucher, macht eine sehr ausladende Handbewegung und grinst.

Eigentlich wollte sie auch gleich wieder in Vollzeit einsteigen, doch weil Artur kurz nach der Geburt krank wurde, ließ sie es langsamer angehen. Jetzt ist der Kleine zwar wieder gesund, doch in Elternzeit will Chucher trotzdem noch mindestens bis Ende des Jahres bleiben. Denn sie hat gemerkt: Führen geht auch mit dreißig Stunden. Sogar ziemlich gut, das habe sie vorher nie gedacht.

Die Filiale hat Montag bis Samstag bis zu neun Stunden geöffnet. Chucher hat keine festen Tage, versucht aber, wenn sie vor Ort ist, ihre Termine so eng wie möglich hintereinanderzulegen, um keine Zeit zu verlieren. „Ich bin einfach sehr offen mit meiner Situation, und dann sind auch die Gesprächspartner meist flexibel“, erzählt sie. Sie arbeite durch den Zeitdruck sehr effizient. Wer mehr Zeit habe, verliere sich oft in Kleinigkeiten.

An normalen Tagen – wenn Artur nicht wie jetzt gerade begeistert an ihren Haaren zieht – bekommt sie mittags eine SMS von der Tagesmutter, wie es Artur geht, ob er gut drauf ist. „Diese Nachrichten helfen sehr“, sagt sie. Sie hat ihr Handy extra so eingestellt, dass es nur bei dieser SMS blinkt. So erkennt sie sofort, dass es eine Artur-Nachricht ist. Die liest sie dann auch mitten im Meeting.

Nadin Chucher leitet ein Team von knapp vierzig Mitarbeitern, das ist auch für die Deutsche Bank eine ziemlich große Filiale. Dazu hat Chucher noch viele Aufgaben, die über eine normale Filialleitung hinausgehen. Denn in der Friedrichstraße experimentieren sie für die „Bank der Zukunft“. Neben dem klassischen Bankgeschäft gibt es zum Beispiel ein Café, Touchscreens, ein Geschäft, in dem Kunden „Trendartikel“ kaufen können und eine Kinderecke. Was gut ankommt, wird Stück für Stück auch in anderen Filialen eingeführt. Dass das Gesamtkonzept funktioniert, das ist Chuchers Aufgabe.

Im Unternehmen will man mehr Frauen in höheren Führungspositionen, Chucher könnte eine von denen sein, die eines Tages ganz oben in der Chefetage sitzen. Als junge Mutter will sie zeigen, dass es natürlich gehen kann mit Kind und Karriere. Mit Teilzeit oder ohne. Vorbild sein, das schon. Aber als „Quotenmutti“ will sie auch in Zukunft nicht gesehen werden. Elisa Simantke

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