Politik : Zutaten: gentechnisch verändert

Ab Sonntag gilt die neue Kennzeichnungspflicht für Lebensmittel – aber die Verordnung hat Lücken

Dagmar Dehmer

Die neue Kennzeichnungspflicht für gentechnisch veränderte Lebens- und Futtermittel gleicht einem Schweizer Käse: Sie hat viele Löcher. Trotzdem ist sie eine echte Verbesserung für all diejenigen, die gerne wissen möchten, was sie essen. Von Sonntag an müssen in der Europäischen Union alle Lebensmittel, Zutaten oder Zusatzstoffe, die aus gentechnisch veränderten Organismen (GVO) hergestellt werden, einen Hinweis darauf tragen. Entweder der Text „genetisch verändert“ oder „enthält genetisch veränderten. . .“ steht dann direkt hinter der betreffenden Zutat oder mit einem Sternchen versehen als Fußnote darunter. Dabei ist es gleichgültig, ob die genveränderten Bestandteile im Endprodukt noch nachweisbar sind oder nicht. Das ist vor allem für Soja- oder Rapsöl wichtig, die aus GVO hergestellt werden, am Ende aber keine genveränderten Bestandteile mehr enthalten.

Bisher mussten diese Lebensmittel nicht gekennzeichnet werden. Auch Sojalecithin, das in Schokoladen steckt, muss einen Hinweis tragen, wenn es aus Gen-Soja gewonnen wurde. Diese Kennzeichnungspflicht gilt nicht nur für Supermärkte, Marktstände oder Kioske, sie gilt auch für Speisekarten in Restaurants oder Kantinen. Bei offenen Produkten muss der Hinweis erkennbar in der Auslage liegen, bei der Pizza aus dem Schnellrestaurant auf der Verpackung stehen. Allerdings müssen Lebensmittel erst dann gekennzeichnet werden, wenn sie einen Anteil von mehr als 0,9 Prozent GVO enthalten. Dieser Schwellenwert wurde eingeführt, damit beispielsweise Biobauern, deren Produkte durch den Pollenflug eines Nachbarn, der genetisch veränderte Pflanzen anbaut, unbeabsichtigt verunreinigt werden, nicht gleich ihre Existenz verlieren.

Futtermittel müssen künftig zwar ebenfalls gekennzeichnet werden, doch die Verbraucher werden nur im Ausnahmefall erfahren, ob ein Rind, ein Schwein oder ein Huhn mit genetisch verändertem Futter großgezogen wurde. Denn: Tierische Produkte, die mit Hilfe von GVO erzeugt werden, müssen nicht gekennzeichnet werden. Dabei „landen 80 Prozent der nach Europa importierten Gen-Pflanzen im Futtertrog“, kritisiert Stephanie Töwe, Gentechnik-Expertin von Greenpeace. Ihre Kollegin vom BUND, Beate Moldenhauer, ruft deshalb die Bauern auf, auf Gentech-Futter zu verzichten. Viele Supermärkte oder Lebensmittelkonzerne bestehen auf einer gentechnikfreien Fütterung.

Von der Kennzeichnungspflicht ausgenommen sind auch Hilfsstoffe. Darunter fallen beispielsweise Labferment im Käse oder Brot, das mit Hilfe von gentechnisch hergestellten Enzymen gebacken wird. Und auch Zusatzstoffe wie der Süßstoff Aspartam oder der Geschmacksverstärker Glutamat dürfen gentechnisch gewonnen werden, ohne dass der Verbraucher das erfährt.

Verbraucherministerin Renate Künast (Grüne) lobt die neue Kennzeichnungspflicht trotz aller Schwächen: „Jetzt können die Verbraucher mit dem Einkaufskorb beweisen, ob sie Gentechnik im Essen akzeptieren oder nicht.“ Wer sichergehen will, dass keine Gentechnik auf seinem Teller landet, muss sich entweder beim Hersteller informieren oder gleich zu Produkten mit dem Biosiegel greifen. Im Ökolandbau ist die Anwendung der so genannten grünen Gentechnik generell verboten.

Kontrolliert wird die neue Kennzeichnungspflicht von den Lebensmittelüberwachern der Bundesländer. Wer gegen die Vorschriften verstößt, kann, allerdings frühestens vom Sommer an, mit Geldstrafen bis zu 50 000 Euro oder gar Gefängnis bestraft werden. Dass die Kennzeichnungspflicht vorläufig ohne Strafenkatalog in Kraft tritt, liegt am deutschen Bundesrat. Er hat Anfang April das entsprechende Gesetz per Einspruch zunächst aufgehalten. Ministerin Künast hofft aber, dass es im Juni in Kraft treten kann.

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