Politik : Zuwanderung: Ohne Austausch geht es nicht

Claudia Keller

Noch letztes Jahr war der 5. Mai nur in Mexiko ein Feiertag. Dieses Jahr feierte Kalifornien mit, der US-Präsident persönlich hielt eine Rede und hieß die mexikanischen Einwanderer willkommen. "Nationen sind imaginierte Gemeinschaften", kommentierte Yael Tamir im Berliner Haus der Kulturen der Welt. Entsprechend der politischen oder wirtschaftlichen Zielsetzung entwerfen sie Mythen und Bilder, die die Vision untermauern, so die ehemalige israelische Einwanderungsministerin. Israel nähre immer noch die Legende, die Diasporajuden fänden nur in Israel ihre Heimat, um den arabischen Nachbarn Stärke zu demonstrieren. Die USA unterstreichen mit Blick auf die geplante Freihandelszone das Multikulturelle.

Und in Deutschland sprechen mittlerweile alle Parteien von einem Einwanderungsland. Auch hier also ein neues Bild. Eines, das den Austausch zwischen Deutschen und Einwanderern befördern könnte, hofft Nadeem Elyas, der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland. Denn trotz der 3,2 Millionen Muslime in Deutschland werde der Dialog bisher nur auf der Expertenebene geführt, beklagte Elyas auf einer Tagung des Berlin-Brandenburgischen Instituts für Deutsch-Französische Zusammenarbeit. Möglicherweise liegt das daran, dass in Deutschland gerne das "Fremde im Fremden" und die kulturellen Unterschiede mehr als die Gemeinsamkeiten betont werden.

In Frankreich stehe die Assimilation im Vordergrund, und deshalb sei man auch weiter. So zumindest sieht es die Pariser Soziologin Claire Galembert. Entscheidend sei die katholischen Kirche, die schon seit Jahren für die Belange muslimischer Einwanderer eintrete. Mehr als "Höflichkeitsbezeugungen" sieht allerdings Tarik Oubrou, der Imam der Großen Moschee in Bordeaux, darin nicht. Mit dem Dialog zwischen den Religionen verändert sich auch der Islam selbst. "Wird es einen Euro-Islam geben?", fragt der Kulturanthropologe Werner Schiffauer. Noch bis in die 90er Jahre hinein haben die Vorgänge in der Türkei die Debatten in den türkischen Gemeinden hier geprägt. Heute bilde sich ein "Diaspora-Islam", so Schiffauer, der seine Position in der Auseinandersetzung mit der deutschen Gesellschaft findet. Die ehemals fundamentalistisch angehauchte "Nationale Sicht", einer der größten türkischen Verbände in Deutschland, habe sich dadurch geöffnet und kämpfe heute für einen europäischen Islam, der auf der demokratischen Verfassung, auf dem Grundsatz der Geschlechtergleichheit und Religionsfreiheit fußt.

Auch in Frankreich zeigt sich, dass ein offenerer staatlicher Umgang die liberalen Tendenzen in den muslimischen Gemeinden stärkt. Islamischer Religionsunterricht an den Schulen und Lehrstühle für Islamwissenschaftler an den Universitäten würde die Liberalisierung weiter fördern. Darin waren sich alle einig, Soziologen, Lehrer, der Mufti aus Marseille genauso wie der Vertreter des Zentrums für Türkeistudien in Essen. Gleichzeitig müssten fundamentalistische Strömungen offen gelegt und Straftaten hart bestraft werden. Nur so werde die Öffentlichkeit begreifen, dass es sich dabei lediglich um eine kleine Minderheit handelt.

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