Zwangsheirat : "Mein Verlobter dreht mir den Hals um"

Heute verabschiedet der Bundestag eine neue Opferrechtsreform – den tausenden Opfern von Zwangsheirat hilft sie wenig

Julia Wäschenbach
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Gegen Gewalt gegen Frauen – das Motto einer Demo in Berlin. Foto: dpa

Berlin Nadja S. ist misstrauisch, wenn sie auf Fremde trifft, aus Vorsicht. Das zierliche Mädchen ist aus einer Parallelwelt geflohen, die für sie von Gewalt und Nötigung beherrscht war; einer Parallelwelt, die eine Heirat gegen ihren Willen bedeuten sollte. Mit 16 Jahren lernte Nadja den Mann kennen, den ihre Eltern als ihren Ehemann ausgesucht hatten. Um das störrische Mädchen zur Heirat zu zwingen, schreckte die ägyptische Familie vor auch vor Gewalt und Erpressung nicht zurück.

Heute will der Bundestag ein neues Gesetz zum Opferschutz in Strafverfahren verabschieden – es hilft den Opfern von Zwangsheirat jedoch nur begrenzt. Denn nach wie vor verfällt für Mädchen, die zur Hochzeit ins Ausland verschleppt wurden, nach einem halben Jahr das Aufenthaltsrecht in Deutschland. Sie haben dann keine Chance mehr auf eine Rückkehr. Die SPD wollte das ändern, denn „in der kurzen Zeit können sich die Frauen selten befreien“, sagt Migrations-Sprecherin Angelika Graf. Der Union war der Antrag ihres Koalitionspartners zu unausgereift. Stattdessen forderte sie zunächst einen eigenen Straftatbestand „Zwangsheirat“, den wiederum die SPD ablehnte. Zurzeit gilt die Zwangsehe als Nötigung, die mit bis zu fünf Jahren Gefängnis bestraft werden kann.

10 000 Zwangsehen werden hierzulande im Jahr geschlossen, schätzt Andreas Becker, Vorsitzender des Berliner Vereins „Hatun und Can e.V.“, der sich nach dem „Ehrenmord“ an der Deutsch-Türkin Hatun Sürücü 2006 gegründet hat. Er kümmert sich um die Opfer, Migrantinnen aus der Türkei, Pakistan, dem Irak, Afghanistan oder Nordafrika. Selten gelingt es Betroffenen allein, aus ihrem Leben auszubrechen, in dem die jungen Frauen oft eingesperrt und vergewaltigt werden. Viele Vereine, die sich für die Mädchen engagieren, gibt es noch nicht. So bleibt die Dunkelziffer der Betroffenen erschreckend hoch.

Dabei werden auch die, die um Hilfe rufen, immer mehr. Im Schnitt bekommt Andreas Becker drei bis vier E-Mails am Tag, um die tausend im Jahr. Auch bei der Menschenrechtsorganisation Terre des femmes haben sich im vergangenen Jahr rund 20 Prozent mehr Mädchen gemeldet als noch 2007. Das mag an der Aufklärungsarbeit der Vereine und Jugendämter liegen, sagt Terre-des-femmes-Sprecherin Rahel Volz. „Gerade die nach Deutschland importierten Frauen wissen oft nicht, was sie hier für Rechte haben.“ Sie glaubt aber auch, dass die Mädchen selbstbewusster geworden sind. Trotzdem fügen sich nach wie vor die meisten in ihr Schicksal. Die Starken wenden sich an Andreas Becker. Er verhilft ihnen zu einem anonymen, aber selbstbestimmten Leben. Ohne den Verein, sagt etwa Nadja S. heute, „hätte ich mich aufgehängt“.

Der Mann, den Nadja heiraten sollte, war „einer, der sofort versucht hat, mich zu erziehen, als er mich kennengelernt hat“. Mit der Schule könne sie gleich aufhören, hatte der Mittzwanziger zu Nadja gesagt, als er die damals 19-Jährige bei einer Familienfeier das erste Mal traf. Je niedriger ihr Bildungsgrad, desto gehorsamer würde sie sein. Für die Eltern war die geplante Ehe ein geschickter Coup: Nadjas Bräutigam war der Sohn eines wichtigen Geschäftspartners ihres Vaters, die Familienfusion ein Businessdeal. Mit religiösen Ansichten hatte das nichts zu tun. „Zwangsehen passieren auch bei wohlhabenden, scheinbar aufgeklärten Akademikern“, sagt Andreas Becker. Dahinter stecken vor allem Geld und patriarchalische Familienstrukturen.

Die deutschen Behörden sind mit dem Phänomen Zwangsheirat noch überfordert. Jugendämter, an die sich Nadja in ihrer Heimatstadt Frankfurt wandte, versuchten es mit Familientherapien, die das flüchtige Mädchen immer wieder zurück nach Hause führten. Ihre Verlobung ließ Nadja scheinheilig über sich ergehen, danach plante sie mit „Hatun und Can“ ihre Flucht. Zur Schule durfte sie nicht mehr gehen, an ihre Papiere zu kommen, war riskant und forderte Geduld. Und ihr Verlobter? „Der tobt.“ Ihn oder ihre Familie anzeigen kann Nadja nicht. Dann wäre die Gefahr zu groß, dass sie die 21-Jährige finden. „Wenn mich mein Verlobter zwischen die Finger bekommt, dreht er mir den Hals um.“

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