Politik : Zwei Farben Orange

Nordirland bemüht sich um eine Allparteienregierung – aber vor allem das pro-britische Lager streitet über den richtigen Weg zum Frieden

Martin Alioth[Portadown]

Eines haben die Politiker auf der ganzen irischen Insel immerhin gemein: Sie bitten ihre Wähler persönlich um Unterstützung. So halten an einem klaren Novembermorgen zwei Autos im komfortablen Brooke Meadows Viertel der nordirischen Provinzstadt Portadown. Samuel Gardiner und George Savage bewerben sich gemeinsam mit ihrem Parteichef David Trimble, dem ehemaligen Chefminister Nordirlands, bei der Regionalwahl am heutigen Mittwoch für die pro-britische Ulster Unionist Party (UUP) um Parlamentssitze im Wahlkreis Upper Bann.

Doch kaum sind die beiden Kandidaten ausgestiegen, quietschen hinter ihnen Reifen. Zwei muskulöse Männer mit Baseballmützen springen aus dem Auto, zwei weitere Vertreter derselben Spezies bleiben sitzen. „Behalt die Hose oben!“, schreit einer – eine anzügliche Anspielung auf ein frei erfundenes Gerücht, der eine UUP-Kandidat sei homosexuell. Der andere Rüpel schreit „Verräter“ und beschwert sich lauthals darüber, Gardiner habe sich der Stimme enthalten, als es darum ging, ob die britische Flagge weiterhin über der Kreisverwaltung flattern solle. Bedrohlich werden die gegnerischen Kandidaten zum Abschied noch ermahnt, sich nur ja nicht in mehreren Vierteln von Portadown zu zeigen, deren Bewohner wegen ihrer paramilitärischen Sympathien bekannt sind.

Nachdem sich die Störenfriede zurückgezogen haben, erläutert der Bauer Savage widerstrebend, es handle sich um Anhänger zweier „unabhängiger“ Unionisten. Einer davon ist der Sprecher des protestantischen Oranier-Ordens in Portadown, jener Organisation also, die seit fast zehn Jahren im Juli jeden Jahres versucht, durch das katholische Viertel der Stadt zu marschieren. Der andere ist bezeichnenderweise ein ehemaliges Mitglied der UUP. Die einstige Staatspartei Nordirlands ist zersplittert.

Joy, die Frau des UUP-Kandidaten Savage, beklagt sich bitter über die mangelnde Einheit in der Partei: „Ich habe die Nase voll davon, so kommen wir nirgendwo hin, wir sehen aus wie Verlierer.“ Die andere, die pro-irische Seite, bietet in diesem Wahlkampf kaum ein besseres Bild: Hier kämpfen die gemäßigte SDLP und die IRA-nahe Sinn Féin-Partei um die Vorherrschaft. Diesmal hat wohl Sinn Féin die Nase vorn, aber da beide Parteien den Friedensprozess unterstützen, schauen alle Beobachter auf den Bruderzwist bei den britischen Protestanten. Auch da findet vordergründig ein Zweikampf zwischen der gemäßigten UUP und den Scharfmachern um Pfarrer Ian Paisley statt. Paisley und seine Gefolgsleute wollen das ganze Karfreitagsabkommen, das das eigene Regionalparlament in Nordirland überhaupt erst ermöglichte, neu aushandeln. Niemand bezweifelt, dass Paisleys Partei diesmal einen größeren Zulauf haben wird als bei den letzten Regionalwahlen. Die Hardliner um Pailey dürften in erster Linie auf Kosten einiger Kandidaten von Splitterparteien an Gewicht gewinnen, die 1998 gegen den Friedensprozess angetreten waren. Das dürfte allerdings kaum etwas daran ändern, dass sich auch nach diesen Wahlen zum Regionalparlament Befürworter und Gegner des Friedensabkommens gegenseitig in Schach halten werden. Deshalb ist auch kaum zu erwarten, dass Nordirlands Chefminister und sein Stellvertreter, die jeweils unterschiedlichen Konfessionen angehören sollen, die nötige Mehrheit auf beiden Seiten der Regionalversammlung bekommen.

Von entscheidender Bedeutung für den weiteren Friedensprozess ist daher die Zusammensetzung von Trimbles eigener Fraktion. Dort dürften sich nach den Wahlen zahlreiche Kritiker des Karfreitagsabkommens wiederfinden. David Thompson, ein progressiver UUP-Delegierter in Portadown, bleibt optimistisch, dass irgendwann wieder eine Allparteienregierung gebildet wird. „Aber letztlich“, fügt er hinzu, „können wir die Wähler nicht vor sich selber schützen.“

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