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Zwei Jahre nach Revolution : Neun Tote und über 300 Verletzte bei Protesten in Ägypten

Zum zweiten Jahrestag der ägyptischen Revolution kamen zehntausende Ägypter auf den Tahrir-Platz. Wieder wird nach dem Sturz des Regimes verlangt: Der Protest richtet sich diesmal vor allem gegen die Muslimbrüder.

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Zum zweiten Jahrestag der Revolution versammeln sich Ägypter auf dem Tahrir-Platz.
Zum zweiten Jahrestag der Revolution versammeln sich Ägypter auf dem Tahrir-Platz.Foto: AFP

Zehntausende kamen auf den Tahrir- Platz. Zehntausende waren es auch am Freitag wieder, dem zweiten Jahrestag der ägyptischen Revolution. Damals hatten alle nur ein Ziel, den langjährigen, autokratischen Präsidenten Hosni Mubarak zu stürzen. Heute dagegen sind die einstigen Revolutionäre heillos zerstritten; die Bevölkerung ist tief gespalten. Unversöhnlich und gereizt stehen sich das islamistische und liberale Lager gegenüber, vor allem nach der von den Muslimbrüdern durchgepeitschten Verfassung, der am Ende lediglich ein Fünftel der wahlberechtigten Bevölkerung zustimmte.

Ein Protestzug von Frauen mit Plakaten bekannter arabischer Feministinnen zog direkt zum Palast von Präsident Mohammed Mursi in Heliopolis. „Runter mit euren Bärten“, riefen sie und „Eure Verfassung interessiert uns nicht“.

Noch am Vorabend hatte Staatschef Mursi in einer Fernsehansprache an alle Ägypter appelliert, den Jahrestag „friedlich und zivilisiert“ zu begehen. Muslimbrüder und Salafisten forderten ihre Anhänger auf, sich von den Kundgebungen fernzuhalten, um keine Gewalttaten zu provozieren. Die Führung bat ihre Mitglieder, Büros und Einrichtungen der Partei rund um die Uhr zu bewachen, um Plünderungen zu verhindern. Dennoch gab es mehrere Angriffe auf ihre Büros. Gleichzeitig legte die Partei ein soziales Aktionsprogramm vor und kündigte an, in den kommenden Wochen eine Million Bäume zu pflanzen und 2000 Schulen zu renovieren.

Die Demonstranten auf dem Tahrir-Platz forderten ein Ende des Machtmonopols der Muslimbrüder, Gerichtsverfahren gegen Polizisten, die Demonstranten getötet haben, die Säuberung des Innenministeriums, die Entlassung der Regierung von Ministerpräsident Hischam Qandil sowie eine grundlegende Revision der neuen Verfassung.

In der Nacht zuvor war es rund um den Tahrir-Platz bereits zu sporadischenAusschreitungen gekommen. „Sie haben unsere Brüder auf dem Platz getötet, jetzt sollen sie selber sterben“, skandierte eine Gruppe von Gewalttätern in Richtung Polizei. Später gelang es einer Gruppe Demonstranten, eine der Betonbarrieren auf dem Weg zum Parlamentsgebäude umzuwerfen. Die Polizei antwortete mit Tränengas, die Randalierer mit Steinen und Molotowcocktails.

Die Proteste zum Jahrestag der Revolution werden auch am Samstag weitergehen. Dann will der Kairoer Strafgerichtshof seine Urteile gegen 70 Angeklagte verkünden, die vor einem Jahr für die schlimmste Fußballkatastrophe in der Geschichte Ägyptens verantwortlich sein sollen. Damals am 1. Februar 2012 starben bei einem Spiel des Kairoer Clubs „Al Ahly“ gegen „Al Masry“ aus Port Said 74 Menschen, als kurz vor dem Schlusspfiff ein entfesselter Mob auf die aus der Hauptstadt angereisten Fans losging. Ägyptens Erste Liga ist seitdem suspendiert, drei Dutzend Masry-Schläger und verantwortliche Polizeioffiziere stehen vor Gericht. Für Samstag acht Uhr früh haben die „Ultra“-Fans von Ahly nun alle Gesinnungsgenossen vor die Tore der Polizeiakademie in Neu-Kairo zusammengetrommelt, wo vergangenes Jahr auch der Prozess gegen Hosni Mubarak stattfand. Dort wollen sie gemeinsam vor Großbildschirmen die Urteile drinnen im Verhandlungssaal verfolgen. Fällt das Strafmaß nicht in ihrem Sinne aus, werde es eine „neue Revolution“ geben, verkündeten sie bereits: „Der Preis für Blut ist Blut.“

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