Politik : Zwei Länder, ein Problem

Cheney besucht Pakistan und Afghanistan – es fehlt der Erfolg im Kampf gegen die Islamisten

Ruth Ciesinger

Berlin - Ohne sie geht es nicht, aber mit ihnen auch nicht richtig: Die Präsidenten von Pakistan und Afghanistan, Pervez Musharraf und Hamid Karsai, zwei der wichtigsten Verbündeten der Amerikaner in deren „Krieg gegen den Terror“, beschuldigen sich nicht nur gegenseitig, zu wenig gegen die Islamisten und ein Wiedererstarken der Taliban zu tun. Die US-Regierung ist – auch im Blick auf die erwartete Frühjahrsoffensive der Extremisten in Afghanistan – offenbar ziemlich beunruhigt über die immer schlechter werdende Sicherheitslage im Land.

Unter höchster Geheimhaltung hatte Vizepräsident Dick Cheney am Montag Pakistans Hauptstadt Islamabad besucht und Musharraf gedroht, wenn dieser die Extremisten im Grenzgebiet zu Afghanistan nicht effektiver bekämpfe, könne der amerikanische Kongress weitere Finanzhilfen verweigern. Seit US-geführte Truppen das Talibanregime in Afghanistan vor rund fünf Jahren stürzten, hat Pakistan rund zehn Milliarden Dollar von den USA erhalten, der neue Haushalt sieht 785 weitere Millionen vor.

Zwar ist Washington schon länger unzufrieden mit Musharraf, doch der Ton, den Cheney jetzt anschlägt, ist ungewöhnlich deutlich. In Pakistan gehen diplomatische Kreise davon aus, berichtet die Zeitung „The Nation“, dass der Grund dafür unter anderem Musharrafs Weigerung ist, das im September 2006 vom Gouverneur der pakistanischen North West Frontier Province und von Stammesvertretern in Nordwaziristan in den sogenannten Federal Administered Tribal Areas (Fata) unterzeichnete Friedensabkommen zurückzunehmen. Die Armee, die seit 2004 in dem Grenzgebiet zu Afghanistan mit stellenweise bis zu 80 000 Soldaten einen verlustreichen Antiterrorkampf geführt hatte, versprach darin, vereinfacht gesagt, ihren Rückzug. Unter der Bedingung: Die Stämme selbst kümmern sich darum, dass keine Kämpfer mehr nach Afghanistan einsickern. US-Präsident George W. Bush zeigte schon im Herbst massive Zweifel an der Effektivität des Abkommens, die die drohende Frühjahrsoffensive in Afghanistan weiter geschürt haben dürfte, pakistanischen Offiziellen dagegen gilt es als gelungene politische Lösung in dem Konflikt. Sie weisen in dem Zusammenhang – nach Ansicht westlicher Experten nicht wirklich korrekt – darauf hin, die Taliban würden schließlich nur in Afghanistan erstarken und nicht in Pakistan.

Dass die Sicherheitslage in Afghanistan äußerst prekär ist, bestreitet aber niemand. Der Selbstmordanschlag auf den US-Luftwaffenstützpunkt Bagram nördlich von Kabul bedeutete zwar nach offiziellen Informationen keine Gefahr für Cheney, da der Vizepräsident sich an einem anderen Ort auf dem Gelände befand. Doch die Symbolkraft des Anschlags dürfte enorm sein. Sie zeigt, wie hilflos die Staatsmacht in Person von Präsident Karsai selbst in der Hauptstadtregion gegenüber den Rebellen ist.

Was den Süden oder den Südosten Afghanistans betrifft, konnte die Zentralregierung diese Gebiete überhaupt nie unter ihre Kontrolle bringen. Vor allem im Süden sind die Taliban seit dem vergangenen Jahr wieder besonders aktiv und liefern sich mit den internationalen Isaf-Truppen heftige Kämpfe. Das bedeute zwar nicht, dass deshalb eine Rückkehr der Taliban bevorstehe, sagt Citha Maass von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. Diese würden vielmehr versuchen, das „System Karsai“ zu schwächen und durch eine „Guerillataktik“ ihre Kontrolle immer weiter auszudehnen.

Noch würden außerdem selbst konservative Gruppen in der Bevölkerung keinen Abzug der internationalen Truppen wünschen. Ihnen stehe noch viel zu deutlich das Chaos der 90er Jahre vor Augen, als die Sowjetunion zusammenbrach und in der Folge das US-Engagement in Afghanistan endete und der Bürgerkrieg ausbrach – der letztlich zum Regime der Taliban führte. Sollte sich die Lage aber weiter verschlechtern, drohe „die Stimmung in immer größeren Landesteilen zu kippen“. Um dies zu verhindern, sollten die Isaf-Truppen spezifische Ansätze für die jeweiligen Regionen entwickeln. Gerade im Süden könne „Stabilisierung nur gelingen“, schreibt Maass in einer Studie, „wenn das Vertrauen der Bevölkerung zurückgewonnen wird“. Wie sich darauf aber eine für das Frühjahr von den USA geplante, groß angelegte Vernichtung von Mohnfeldern, die der Opiumproduktion dienen, auswirken wird, ist unklar.

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